Frankenstein: ein Drama ohne Horror

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Frankenstein-Premiere im Kulturbahnhof Aalen: Margarete Lamprecht (vorne) und Alice Katharina Schmidt.
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Saisonauftakt im Kulturbahnhof: „Frankenstein“ hat Premiere im Aalener Stadttheater mit einem großartigen Ensemble und sensibler Regie.

Aalen

Ganz großes Theater im Kulturbahnhof: „Frankenstein. Nach dem Roman von Mary Shelley“. Die Bühne minimalistisch, die Kulissen multifunktional (Video, Schattenspiel). Drei bestens besetzte Protagonisten unter der Regie und Dramaturgie von Jonathan Giele und Marco Kreuzer. Das Publikum dankt mit begeistertem Applaus.

Das „Wesen“ kämpft um seine Sozialisation. Alice Katharina Schmidt schreit, tobt, wütet in Lumpen und Horrormaske durch die Kulissen, über die Bühne. Sie gibt das Wesen, von Victor Frankenstein gemacht und verstoßen, jetzt auf gieriger und bald verzweifelter Suche nach sozialer Integration. Es rast auf die Schatten der Menschen zu und wird zurückgestoßen, das Wesen entwickelt sich vom Tier zum Menschen, vom grunzenden Urlaut zur Sprache. Eine gefühlte halbe Stunde geht dieser Prozess, er endet in Verzweiflung und Rachsucht. Das Wesen ist vollends zur Gefahr geworden.

Alice Katharina Schmidt bewältigt diese schauspielerische Herausforderung als Pantomime bis zu den ersten Worten. Grandios, faszinierend, mit starker körperlicher Präsenz und bei aller Wildheit sorgsam abgestuft in den Entwicklungsschritten des Wesens. Sie liefert das Wesen nicht der Obszönität aus und schon gar nicht dem Horror-Voyeurismus.

Vorausgegangen sind Hintergrund und Vorgeschichte des Dramas um die von der Gesellschaft verweigerte Menschwerdung des Wesens, das der junge Wissenschaftler Victor Frankenstein konstruiert und animiert und dann sogleich wegen seiner Hässlichkeit verstoßen hat. Angst vor seinem Monster hat der junge Mann bekommen und läuft im ersten Teil des Dramas mit einer Eisenstange durch die Szenen.

Die Szenen folgen rasch und kaum abgegrenzt aufeinander. Die Autorin Mary Shelley tritt auf und erzählt von der Entstehungsgeschichte ihrer Roman-Story; Alice Katharina Schmidt spielt auch diese Rolle mit energischer Präsenz. Arwid Klaws zeigt mit feinen professionellen Nuancierungen einen Mann zwischen Stolz und Angst, zwischen Neugier und Skrupel, hingerissen von der Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben in Ruhe und getrieben von der Pflicht, sein Werk, das Wesen, unter Kontrolle zu bringen, den vermeintlichen technologischen Fortschritt zu beherrschen. Frankenstein fällt in eine schwere Krankheit, wird von seiner Verlobten Elisabeth gepflegt, Margarete Lamprecht spielt eine loyale Partnerin mit Geduld und Vertrauen, eine klare, schnörkellose Figur, selbst auch an der Grenze zu Wahnsinn und Verzweiflung.

Nach der gescheiterten Sozialisation treffen Frankenstein und das Wesen aufeinander. Das Wesen stellt Bedingungen: Es will ein Partnerwesen, für sich allein. Andernfalls werde es gegen Menschen und Gesellschaft wüten und morden. Frankenstein nimmt die Drohung ernst, er ahnt, dass das Wesen bereits gemordet hat, und er erlebt, dass Elisabeth vom Wesen umgebracht wird.

Das Stück baut Spannung auf, nicht wirklich durch Horrorbilder, sondern durch die aufgeführte Psychologie. Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten.

Weitere Vorstellungen am 8., 9., 15. und 16. Oktober im Kulturbahnhof Aalen.

Frankenstein im Theater der Stadt Aalen
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Frankenstein
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