Gerd Nefzer: Mit Explosionen und Crashs zum Oscar

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Professorin Dr. Constance Richter, Gerd Nefzer und Thomas Maile.
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Der Experte für Spezialeffekte beim Film hat den Goldjungen zweimal nach Schwäbisch Hall geholt. Wie dem gelernten Landwirt das gelang.

Gerd Nefzer beantwortet Fragen aus dem Publikum, Thomas Maile von PechaKucha Aalen führt durch den Abend.
Ein Oscar zum Anfassen beim Fototermin mit Gerd Nefzer.

Aalen. Ein Goldjunge wiegt 3,85 Kilo. Und Gerd Nefzer kann gleich in jede Hand einen davon nehmen. Der Schwäbisch Haller ist zweifacher Oscargewinner und hat seine Goldjungen in der Kategorie Beste visuelle Effekte für „Blade Runner 2049“ im Jahr 2018 und „Dune“ 2022 im Dolby Theatre in Hollywood in Empfang genommen. Am Dienstag war der Experte für Spezialeffekte zu Gast an der Hochschule Aalen. Eingeladen hatten ihn der Studienbereich Human Centricity und PechaKucha Aalen. 300 Gäste hörten gespannt zu, wie Nefzer auch mittels eindrucksvollem Bildmaterial erzählte, wie er seinen Lebensunterhalt mit „Knall und Bumm“ verdient. Zuvor sprach er mit Dagmar Oltersdorf im Interview über seine Arbeit und den Starruhm.

Herr Nefzer, können Sie noch unbemerkt durch Schwäbisch Hall gehen oder kannte man sie schon vor ihren Oscar-Gewinnen?

Gerd Nefzer: Ich war ein relativ unbeschriebenes Blatt dort - wie die ganze Firma. Wir haben nie ein großes Ding aus dem getan, was wir arbeiten. Heute ist das schon ein wenig anders. Man wird ab und zu nett angesprochen oder hört die Leute leise sagen: Das ist doch der mit den Oscars. Aber das hält sich in Grenzen. Ich bin ja kein Mega-Star wie ein Schauspieler. Man hat seine Ruhe und das ist auch gut so.

Also holen Sie sich Ihre Aufregung über die Arbeit?

Das kann man so sagen. Also langweilig wird es einem in dem Job nie. Egal, was man macht und wie oft man dasselbe macht.

Was machen Sie aktuell?

Wir sind seit Ende März unterwegs mit „Dune 2“, haben in Budapest gedreht und die letzten zweieinhalb Monate in Jordanien und in Abu Dhabi, jeweils in den Wüsten. Zweieinhalb Wochen vor Weihnachten bin ich zurückgekommen. Jetzt tritt so langsam ein wenig Erholung ein. Wenn man mal über 50 ist, dann dauert das schon ein wenig länger. Zudem habe ich in Berufen gearbeitet - erst in der Landwirtschaft, jetzt schon lange beim Film - die keinen Nine-to-five-Job bieten. Man hat keine 35-Stunden-Woche und es kommt oft ein sechster Tag dazu, wenn der Drehplan es so will.

Gibt es Schnittmengen zwischen der Landwirtschaft und der Arbeit als Experte für Spezialeffekte?

Ständig. Allein das Handwerkliche, das man als Landwirt gelernt hat. Die Arbeit mit Holz und Metall, draußen zu sein, sich ein wenig mit dem Wetter auszukennen. Ich bin auch jemand, der bei den Effekten immer wieder auf landwirtschaftliche Geräte zurückgreift und schaue, was man damit machen kann. Und mit Rindviechern muss man auch beim Film umgehen können. Allerdings wird das in der öffentlichen Darstellung häufig übertrieben.

Es gibt also keine Diven mehr?

Kaum noch. Seit „MeToo“ hat sich der Umgangston am Drehort, haben sich auch die Menschen geändert. Das ist sehr gut. Es gibt natürlich noch Regisseure, die auch mal laut werden. Das sind Künstler, da muss man eben ab und zu auf Durchzug schalten. Das ist aber woanders genauso. Schwierige Menschen sind beim Film so häufig wie in anderen Branchen. Aber beim Film schaut jeder genau hin und jeder kleine Fehltritt wird aufgeblasen. Die letzte Oscarverleihung war eine tolle Veranstaltung mit großartigen Filmen. Danach ging es aber nur noch um Will Smith. Aber alle, die für einen Oscar nominiert sind, haben eine Topleistung gebracht.

In diesem Jahr sind Sie bei keiner Produktion vertreten. Schauen Sie trotzdem bei der Verleihung zu?

Das muss ich, auch die Filme auf der Shortlist. Ich bin Academy Member und darf voten. Diese Woche geht es los und ich kann meine Stimme dafür abgeben, wer letztendlich nominiert wird. Zwei, drei Wochen vor der Verleihung votet ich dann noch einmal - für die Entscheidung.

Können Sie sich noch an ihren ersten Film erinnern?

Das war in der Bavaria in München, aber kein Film, sondern die Fernsehserie „Rote Erde“. Damals betreute ich aber noch Fahrzeuge und Filmwaffen, mein erster Job als Quereinsteiger. Ich habe Landwirt gelernt und dann den Agrartechniker gemacht, anschließend stand die Bundeswehrzeit an und ich hatte keine aktuelle Stelle. Der Vater meiner damaligen Freundin und heutiger Schwiegervater hat mich gefragt, ob ich ihm nicht helfen könnte. Die Bundeswehr kam dann nicht, mittlerweile sind aus den paar Wochen, die ich das machen wollte, 35 Jahre geworden. Der erste internationale Film, den ich als Spezial-Effekt-Supervisor betreut habe, war „Resident Evil“. Teil 1. Mittlerweile gibt es sechs oder noch mehr. Mit dem Regisseur Paul W. Anderson bin ich nach wie vor in Verbindung, zu Weihnachten schreiben wir uns immer.

Was hat sich seitdem geändert?

Die Filme werden viel schneller produziert, man hat weniger Vorbereitungszeit, die Ansprüche für die Spezialeffekte werden immer größer, es muss immer spektakulärer werden. Und mit dem Werkzeug hat sich auch viel getan. Früher hat man fast alles händisch gemacht, heute ist viel computergesteuert.

Haben Sie Angst, dass ihre Arbeit bald komplett vom Computer übernommen wird?

Wir hatten die Befürchtung, arbeitslos zu werden, schon vor 15 Jahren. Es ist genau das Gegenteil passiert. Alles, was vor der Kamera gemacht werden kann, wird von den Regisseuren der Computerarbeit vorgezogen. Auch, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler so direkt reagieren können. Dass es keine physikalischen Spezialeffekte mehr gibt, kann ich mir nicht vorstellen.

Mit was arbeiten sie am liebsten?

Brennende Häuser, brennende Raumschiffe - das macht unheimlich viel Spaß. Man muss sehr konzentriert sein. Es gibt ja nach wie vor kein kaltes Feuer. Zudem ist es sehr technisch, weil man viel installieren muss. Rohre verlegen, Gewinde schneiden, abdichten, Brenner bauen. Man muss einen Blick dafür haben und die Geschichte hinter dem Feuer auch bedienen.

Ist das gefährlich?

Wir tun alles im Bereich Sicherheit, dass es eben nicht gefährlich wird. Wenn ich ein großes Feuer habe und ich dem Schauspieler sage, dass er da nur auf fünf Meter hin darf und er rennt dann ins Feuer und verbrennt sich, dann ist es gefährlich. Pyrotechnik, Sprengstoff, Feuer, den Schauspieler den sicheren und unsicheren Bereich erklären, das muss man oft sehr nachdrücklich. Diese müssen sich zudem auch auf ihre Rolle konzentrieren. Man muss also auf die Schauspieler achten, das Team und auf sich selbst. Weil man mit gefährlichen Dingen umgeht.

Haben Sie sich schon mal verletzt?

Ich habe mich einmal in meinem Leben verbrannt. Allerdings nicht bei einer Filmproduktion, sondern an unserem Messestand mit einem Dampf-Tapetenablöser. Da war ich unvorsichtig und habe mich dann leicht verbrannt.

Gehen Sie selbst noch ins Kino?

Selbstverständlich. Ich sehe doch die Arbeit, die für die große Leinwand gemacht worden ist, nicht im Mäusekino, also auf dem Handy an. Das ist Perlen vor die Säue geworfen. IMAX-Filme sind für die große Leinwand gemacht. Da muss man genauer, anders arbeiten. Zuletzt habe ich „Avatar 2“ gesehen und Batman, im IMAX-Kino in Leonberg. Das ist einfach ein tolles Erlebnis. Nur wenn es nicht anders geht, schaue ich auf dem Laptop oder iPad Filme an.

Wo stehen denn Ihre Oscars?

Zu Hause, aber heute habe ich sie dabei. Mir war lange nicht klar nach dem ersten Oscar, was ich da eigentlich gewonnen habe. Es ist einfach der bekannteste Preis weltweit. Der Nobelpreis geht auch in diese Richtung. Aber den Oscar jeder und jede überall. Die Menschen sind fasziniert und auch ich bekomme Gänsehaut, wenn ich sie in die Hand nehme. Das ist was Tolles, besonders, aber mein Leben hat sich dadurch nicht verändert. Aber man kann schon ein bisschen stolz sein. Ich habe 35 Jahre dafür gearbeitet. Und war zur richtigen Stelle am richtigen Ort, habe mit den richtigen Menschen gearbeitet und die richtige Arbeit abgeliefert. Und Glück gehört dann auch noch ein wenig dazu. 

Der Vortrag des Preisträgers: offenherzig und spannend

Gewaltige Explosionen, ideal ausgeleuchtetes Feuer, kontrollierter Regen sowie fliegende Fahrzeuge – der zweifache Oscar-Preisträger Gerd Nefzer aus Schwäbisch Hall nutzt physikalische Effekte für bildgewaltige Filmszenen. Eingeladen durch den Studienbereich Human Centricity der Hochschule Aalen und PechaKucha Aalen gewährte Nefzer Einblicke in seine erfolgreiche Arbeit. 

Inglourious Basterds, Resident Evil, Alien vs. Predator, Stirb langsam, Dune  und viele Filme mehr – der 57-jährige Gerd Nefzer ist immer am Set, wenn Hollywood spektakuläre physikalische Filmeffekte ohne Computeranimation braucht. Fliegen, brennen, crashen, aufwirbeln, nass machen – für seine Effekte wurde Nefzer 2018 und 2022 mit einem Oscar geehrt, wofür er sich extra einen Smoking zulegen musste, wie die Hochschule Aalen  berichtet. Eingeladen von Professorin  Dr. Constance Richter vom Studienbereich Human Centricity der Hochschule Aalen  und Thomas Maile von PechaKucha Aalen  hat der Spezialeffekte-Künstler, der erst kurz vor Weihnachten von den letzten Dreharbeiten aus Budapest, Jordanien und Abi Dhabi zurückkehrte, in einem Vortrag gezeigt, wie viel Arbeit in nur wenigen Sekunden eines Filmes stecken und was hinter den Kulissen abläuft.

Der 1965 in Schwäbisch Hall geborene Nefzer stammt aus einfachen Verhältnissen und schloss nach seinem Hauptschulabschluss die landwirtschaftliche Berufsfachschule sowie seine Mittlere Reife ab. „Danach habe ich klassisch Landwirt gelernt“, erzählt Nefzer. Er arbeitete in Schweinemastbetrieben, Ackerbau und Pflanzenzucht, bis sein Schwiegervater um dreimonatige Unterstützung bei dem Dreh einer Serie bat. Dieser vermietete bis dato historische Fahrzeuge und Waffen für Filmdrehs. „Aus drei Monaten sind jetzt 35 Jahre geworden“, lacht Nefzer. Damals konnte sich die Firma finanziell gerade so über Wasser halten. Film- und Fernsehproduzenten in Deutschland engagieren ihn, später wurden internationale Produzenten aufmerksam. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit „Enemy at the gates“ mit Ed Harris, gefolgt von „Resident Evil“. Hollywood war begeistert von seinen Spezialeffekten – so sprang er von einem Projekt zum nächsten. 

Anhand beeindruckender Ausschnitte des Films „Bladerunner 2049“ erklärte Gerd Nefzer bei seinem Vortrag an der Hochschule Aalen, was zu seinen Aufgaben gehört und welche Szenen viel Hirnschmalz und Vorbereitung statt eines kurzen Klicks am Computer bedurften. Beispielsweise ein Flugfahrzeug, das durch einen Hydraulikzylinders mit Stickstoff betrieben auf Schienen fährt und lediglich bemalten Schaumstoff statt Stahl rammt, ohne Pyrotechnik stattfindende Explosionen, Wassertropfen, die mittels Pressluft an der Fahrzeugscheibe nach oben laufen oder hohe peitschende Wellen, die in einem selbst gebauten Wasserbecken durch drei Abrissbagger und drei 5000-Liter-Tanks erzeugt werden. Aber auch in wenige Filmsekunden mit verschmutztem Schnee, abperlenden Regen, ideal ausgeleuchtetem Feuer, einem dampfenden Topf sowie leichten Nebel steckt Nefzer all seine Expertise. Nefzer: „Das macht vor allem dann Spaß, wenn man im Team zusammensitzt und sich für unmöglich scheinende Szenen des Drehbuchs eine Lösung überlegt.“ An seiner Arbeit schätze er auch, immer wieder neue Menschen kennenzulernen. „Außerdem bekommt man immer sofort eine Rückmeldung auf seine Arbeit: ‚Das ist Mist, das lassen wir.‘ oder ‚Genau so habe ich mir das vorgestellt.‘.“ Das Filmgeschäft sei harte Arbeit, aber auch herausfordernd, spannend und gebe insbesondere abends nach Drehschluss ein befriedigendes Gefühl. 

Nach Gerd Nefzers Vortrag wurden noch einige Fragen gestellt und es gab die Möglichkeit, in der Fotobox der Bachelorstudiengänge Information Design und User Experience (Studienbereich Human Centricity) Fotos mit dem Oscar-Preisträger zu machen. Menschzentriertes Handeln – das ist der Fokus des neuen Studienbereichs „Human Centricity“. Bei der Entwicklung von Dienstleistungen und Produkten muss der Mensch und seine individuellen Bedürfnisse verstärkt beim technologischen Wandel mitgedacht werden, so der Kern. 

Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.
Oscars zum Anfassen. Gerd Nefzer hat seine Goldjungen beim Vortrag dabei. Anfassen erlebt. Wer wollte, konnte am Ende des Abends ein Foto mit dem Oscar in der Hand und dem Preisträger an der Seite machen.
Volles Haus in der Aula der Hochschule. Der Oscarpreisträger erklärt seine Spezialeffekte mit Einblicken in die Produktion von "Blade Runner 2049".
Oscar-Preisträger Gerd Nefzer.

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