Gerhard Weber lässt in Gmünd seinen Thomas fliegen

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Der gebürtige Schwäbisch Gmünder feiert am Freitag, 26. November, mit seinem ein Ein-Mann-Stück in der Theaterwerkstatt Uraufführung.

Schwäbisch Gmünd

Es geht um Einsamkeit. Und es geht um den Weg aus der Einsamkeit. „Der fliegende Thomas“ heißt das Stück, das am Freitag, 26. November, 20 Uhr, in der Theaterwerkstatt in Schwäbisch Gmünd Premiere feiert. Geschrieben hat die Tragikomödie der gebürtige Gmünder Gerhard Weber. Worüber es in dem Stück geht, über Schwierigkeiten, Independent-Stücke auf die Bühne zu bringen, aber auch über seine Heimat sprach Weber im Interview mit Dagmar Oltersdorf.

Herr Weber, Sie sind ja gebürtiger Schwäbisch Gmünder. Wann waren Sie denn das letzte Mal hier?

Gerhard Weber: Das war Ende April. Und ich werde ja nächste Woche wiederkommen, zur Uraufführung des Stückes.

Was schätzen Sie denn besonders an Ihrer Heimat?

Besser könnten Sie fragen, was ich an einem Urlaubsort schätze. Ich bin ja Gmünder. Michael Gaedt, den sicher viele kennen, ist ein Exil-Gmünder wie ich. Der sagte mal zu mir: Einmal Gmünder, immer Gmünder. Egal wo Du bist, eine Hälfte Deines Herzens schlägt immer hier. In Gmünd habe ich Familie und Freunde, aber ich pflege nicht nur diese Kontakte, sondern auch die mit dem Kunstverein, dem Unikom, dem Kulturbüro und dem Kinderkinofestival. Beim Kikife habe ich bis vor ein paar Jahren mit Walter Deininger auch immer wieder Filmprojekte gemacht, bis es dann einen Generationswechsel gab. Vor Kurzem habe ich erst Filmmaterial von 2006 gefunden, in dem es um die Ankunft der Donauschwaben in Gmünd ging. Das habe ich nun ins Netz gestellt, wo es jeder abrufen kann.

Warum die Donauschwaben? Gibt es eine persönliche Verbindung?

Ja. Meine Eltern sind aus Ungarn, die sind damals mit dem Güterzug gekommen. Das hatte natürlich auch Einfluss auf mein Leben. Meine Kindheit war geprägt von einem donauschwäbischen Spirit. Es wurde viel geredet, gelacht, getanzt und getrunken. Wenn man dann zu einem schwäbischen Schulfreund kam, ging es dort schon ein wenig ruhiger zu. Damals habe ich den Unterschied schon gespürt, obwohl ich im Margaritenhospital in Gmünd geboren wurde.

Nun steht hier die Uraufführung von der „Fliegende Thomas“ an. Warum Schwäbisch Gmünd?

Es gibt weitere Vorstellungen in Hamburg, Leipzig und Elmshorn. Dass das Stück nun in Gmünd uraufgeführt wird, hat sich so ergeben. Die Premiere war schon vor zwei Jahren geplant, wurde dann zweimal verschoben. Einmal, weil der Darsteller erkrankt war, das zweite Mal wegen Corona. Vor zwei Jahren wäre die Uraufführung woanders gewesen. Aber wenn mir die Gmünder immer so die Stange halten, dachte ich, man könnte das auch hier machen.

Sie sind Autor, Filmemacher und Medienwissenschaftler. Wie kamen Sie auf diesen Berufsweg?

Mein Vater war selbstständiger Handwerker. Nach dem Abschluss an der Schiller-Realschule, wusste ich erst mal nicht, was ich mit mir anfangen soll. Der sagte dann: Bevor Du gar nichts machst, kommst Du erst mal zu mir. Die Arbeit mit dem Holz machte mir Spaß, deshalb wollte ich das auch richtig machen, lernte zunächst Drechsler und dann bei der Tischlerei Schmid aus Wißgoldingen Schreiner. Danach machte ich in Aalen Zivildienst beim Malteser Hilfsdienst. Danach dachte ich, dass etwas nicht stimmt, wenn von nun ab nur noch der Betrieb mein Leben besteht. Ein visueller Mensch war ich schon immer, ich habe bereits mit 15 Jahren angefangen zu fotografieren und hatte sogar ein eigenes Fotolabor. Also beschloss ich, zu studieren.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Die haben gut reagiert. Sie haben gesagt, dass es mein Leben ist und sich gefreut, weil ich der Erste in der Familie war, der an einer Uni studiert. Aber natürlich ist damit auch die Tradition des Drechselns gestorben.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe in Siegen studiert und bin anschließend nach Berlin und habe in der Filmbranche gearbeitet und von dem verdienten Geld dann immer selbst meine Filme zu machen. Es hat mich nie interessiert, bei einem Tatort Regie zu führen, mich interessiert das Experimentelle, ich möchte im Film poetisch erzählen. 2009 feierte mein Spielfilm „Atomheinz“ in Gmünd Premiere. Die die Resonanz war positiv, auch in der Berliner Szene, die mir viel Mut bescheinigte. Es folgten allerdings darauf ein paar Jahre, in denen ich mich familiär sehr engagieren musste. Zu der Zeit wohnte ich zwar nicht in Gmünd, aber in Stuttgart. Dort habe ich angefangen, auch Theaterstücke zu schreiben.

Wie schwer ist es, als Autor ein Stück auf die Bühne zu bringen?

Nun, in Stuttgart tut sich die Subkultur ohnehin manchmal etwas schwerer. Aber egal, ob Subkultur oder nicht: wenn man niemanden kennt oder jemanden, der jemanden kennt, dann funktioniert das nicht. Es geht nicht darum, ob es gut ist, auch bei der Förderung nicht. Das will man sich bei der Vergabe absichern, dass man keine Fehler macht, und greift auf Vertrautes zurück. In Gmünd war schon immer eine Verbindung zu andere Künstlern, die Aufforderung, bei Projekten mitzumachen, gab und gibt es immer wieder. So kam es auch zur Verbindung mit dem Kulturbüro und Klaus Stemmler.

Würden Sie skizzieren, um was es bei „Der fliegende Thomas“ geht?

Es war 2019, ich habe noch geraucht und stand abends auf dem Balkon. Überall hinter den Fenstern sah ich nur ein Licht und meist saß nur eine Person vor dem Fernseher. Das weckte in mir den Impuls, mich mit dem Thema Einsamkeit auseinanderzusetzen. Ein Thema, das, wie ich finde, nicht stark bearbeitet ist. Da ich aber ökonomisch denken muss, die Inszenierung selber finanziere, steht mir kein komplettes Ensemble zur Verfügung. Also habe ich es als Solodrama geschrieben. Allerdings nicht als Selbstgespräch, sondern die Hauptfigur unterhält sich mit dem Bild seiner toten Frau. Dass Thomas mit Anfang 60 nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar ist, erfährt er aus einem Brief von der Arbeitsagentur. Das ist der Auslöser dafür, dass er sich auseinandersetzt mit seinem Leben. Mit der Frage, was hat er von seinem erwartet, was hat er erreicht? Wie fühlt es sich für einen Menschen an, der nicht mehr gebraucht wird? Das hört sich zunächst deprimierend an, aber es gibt Alternativen zu dieser Einsamkeit. Die Hauptfigur findet nach einer Katharsis zu sich selbst und gerät in eine positive Aufbruchsstimmung.

Sind Sie aufgeregt, weil die Uraufführung ein Heimspiel ist?

Es ist immer anders, vor Freunden oder der Familie was zu zeigen. Ich stehe zwar nicht auf der Bühne, aber sitze ja mit im Publikum. Bei der Premiere sagt ohnehin nie jemand: Das war aber schlecht. Einerseits, weil es ja eine Uraufführung ist. Und dann auch, weil ja Freunde und Familie dabei sind. Aber ein leichter Druck ist schon da. Es ist schon was Besonderes, das in meiner Heimatstadt machen zu dürfen.

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