Grandioses Gesamtkunstwerk: Christian Brückner und Elbtonal

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Elbtonal Percussion begleitet Christian Brückner bei seiner Lesung.
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Wie der Sprecher Christian Brückner und das Hamburger Percussions-Ensemble Elbtonal in der Stadthalle Aalen das Publikum in den Sog von Melvilles Roman „Moby Dick“ ziehen.

Christian Brückner liest Moby Dick.
Elbtonal Percussion begleitet Christian Brückner bei seiner Lesung.
Christian Brückner liest Moby Dick.
Christian Brückner liest Moby Dick.

Aalen

Nimm mein Eisen“, donnert Christian Brückner in den Saal der Stadthalle Aalen. Ein Ruf, der durch Mark und Bein dringt, sich fast wie eine Harpune ins Fleisch bohrt. Es ist der Schrei Kapitän Ahabs aus dem Roman „Moby Dick“ von Herman Melville. Aus diesem liest der bekannte Synchronsprecher am Freitagabend in der Stadthalle Aalen. Brückner ist zusammen mit dem Percussions-Ensemble Elbtonal zu Gast der Kulturreihe „Wortgewaltig“. Ein Titel, der allerdings nur entfernt das Oberliga-Ereignis umschreibt, dem die rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörer beiwohnen dürfen. Besser geht eine Lesung nicht.

Im Sog sprachlicher und musikalischer Gezeiten

Es ist eine fast zweistündige Reise durch ferne Zeiten und im Sog der sprachlichen und musikalischen Gezeiten, auf die sich Brückner und Elbtonal begeben haben, bevor es zu diesem markanten Schrei kommt. Eine Reise, die für die Zuschauer beginnt mit dem Staunen über eine Fülle von Percussioninstrumenten auf der Bühne, die man dort so wohl kaum zuvor gesehen hat. Marimba und Vibrafon, Trommeln, Pauken, Glockenspiel und Gong aus aller Herren Ländern - so weit dürfte nicht mal Ahabs Walfänger, die „Pequod“ rumgekommen sein.

Aus dieser Fülle heraus sticht Elbtonal in See - mit dem zarten Flirren eines winzigen Glockenspiels, aus dem heraus die vier Musiker eine Woge aufbauen, die mit Knarren, Knarzen, Klopfen, in einem Hall wieder abebbt.

„Nennt mich Ismael“, beginnt Brückner, da wo auch Melvilles Roman 1851 erschienener Roman seinen Auftakt nimmt, nachdem er die Bühne betreten hat. Noch agiert der ganz in Schwarz gekleidete Sprecher, der hinter der deutschen Stimme von Robert de Niro steckt, verhalten, erzählend. Warmwerden mit Melvilles an Bildern überbordender Sprache, die einiges an Konzentration von den Zuhörenden fordert. Zunächst noch fast unmerklich, dann immer deutlicher das Mitgehen Brückners. Ein leichtes Wiegen auf zwei Beinen, fest verankert in Boden - die Stimme des 78-Jährigen völlig ungebrochen - egal, ob es um Tempo, Betonung oder Lautstärke geht. Mal zeigt Brückner selbstbeziehend als Ismael mit dem Finger auf sich, legt die Handteller kurz ineinander, als es um Geld geht, rauft sich das Haar - während die Stimme sinnierend, zaudernd oder drängend klingt. Rund zehn Minuten Lesung ohne Makel.

Dann wieder Elbtonal. Die Musik lässt Bilder vom Schiff aufleben, von Wassertropfen, die in die Ritzen zwischen die Schiffsplanken fallen, zwei Newtonpendel klackern dazu eine Melodie, die Aufbruch verheißt. Der Rhythmus: Weltmusik - Südamerika, Karibik, Afrika, bevor Brückner das erste Mal „Kapitän Ahab“ auftreten lässt. Brückner stellt seine Stimme in den Dienst von Melvilles poetische-philosophischen Text - Spekulationen über dessen weißes Mal, murmelnd unter kurz vorgehaltener Hand. Zeugnis vom „Kiefer des Pottwals?“ Sprecher und Musik agieren als gleichwertige Erzähler des Mythos vom „weißen Wal“, der „dickes Blut blase“.

„Was tut ihr, wenn ihr einen weißen Wal seht“, ruft Brückner, ganz in der Rolle des hasserfüllten Kapitäns, der mal seufzt, mal schwer stöhnt und dann mit einem harten „Schiff ahoi“, wohl auch den letzten an Land Verbliebenen im Publikum auf die Planken zieht.

Als Elbtonal sein furioses Finale beendet hat, würdigt das Publikum dieses grandiose Gesamtkunstwerk von Musik und erzählter Weltliteratur mit stehendem Applaus. Absolut verdient.

Christian Brückner liest „Moby Dick“.
Elbtonal Percussion begleitet Christian Brückner bei seiner Lesung.

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