Große Kunst zu Ehren der Ermordeten

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Der besondere Liederabend im Speratushaus: Esther Choi und Paul Weigold
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Ein Gedenkkonzert zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ im Ellwanger Speratushaus mit Esther Choi und Paul Weigold.

Ellwangen

Mit einem hochklassigen Konzert wurden am Samstagabend im Speratushaus in Ellwangen drei Komponisten gewürdigt und geehrt, die von den Nazis verfolgt, verhaftet und ermordet wurden: Paul Haas, Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff.

Die drei Musiker waren erfolgreich als Komponisten, Pianisten, Dirigenten. Paul Haas und Viktor Ullmann wurden im KZ Theresienstadt interniert, im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort sofort ermordet. Paul Schulhoff starb im Lager Wülzburg in Bayern an Tuberkulose. Haas und Ullmann stammten aus Österreich-Ungarn, Schulhoff war Tscheche. Sie wurden von den Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und mit Arbeitsverboten belegt, bevor sie verhaftet und ermordet wurden.

Im coronagerecht bestuhlten Saal des Speratushauses waren Lieder der Komponisten zu hören, ein Konzert zur Erinnerung und zu Ehren der verfolgten Juden, im Kontext der Feierlichkeiten zu 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland. Das Programm des Abends hieß „Verfemt, verfolgt, ermordet. Komponieren als Hoffnungsschimmer in dunkler Zeit“.

Esther Choi sang die teilweise schwierigen Partien mit großer Empfindsamkeit und starker Textorientierung. Bis auf die Lieder von Pavel Haas wurden die Lieder deutsch gesungen. Dem Publikum standen die Texte zur Verfügung und die Textverständlichkeit ließ bei Esther Choi nichts zu wünschen übrig. Sie konnte ihren Mezzosopran vom tiefen Alt bis in die hohen Sopran-Lagen mit ausdrucksstarken Differenzierungen vom Pianissimo bis zum mächtigen Forte einsetzen. Ganz große Sangeskunst.

Ihr Partner, der aus Ellwangen stammende Paul Weigold, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, begleitete die Sängerin mit sehr eindrucksvoller Sensibilität und angemessener Zurückhaltung und ließ die wunderbaren Kompositionen des Klavierparts aller drei Komponisten im Dialog mit Esther Choi aufblühen und glänzen. Die musikalischen Inszenierungen der so unterschiedlichen Kompositionen waren Meisterstücke des internationalen Dirigenten und Pianisten mit regionalen Wurzeln in der Ostalb.

Die „Vier Lieder nach Worten chinesischer Poesie“ wurden von Paul Haas 1944 im KZ Theresienstadt komponiert. Man meint in den drastischen Aufbrüchen, in den hart gesetzten Dissonanzen die Wut und Empörung, in den zurückgenommenen Passagen die Resignation zu hören und hier und da selbstgewisse Hoffnung: „Indessen singe ich vor Freude, der Elster Schrei weckt den Tag.“

Viktor Ullmann hat seine Haft in Theresienstadt auch als produktive Zeit beschrieben. Er hat viel komponiert, Aufführungen und wesentlich den ganzen intensiven Kulturbetrieb organisiert. Sein Lied-Zyklus „Geistliche Lieder, op.20“ kann als typisches Produkt dieser Gegenwelt verstanden werden, grandiose Kompositionen auf Texte u.a. von Novalis und Morgenstern und im zweiten Teil des Konzertes von Hölderlin. Trotz und Klage über die Brutalitäten der Zeit schienen überwunden, die Musik ein Statement der Hoffnung, ja der Freiheit des Geistes.

Erwin Schulhoff war bis zu seiner Verhaftung ein umtriebiger, erfolgreicher Komponist und Pianist, ein Wanderer durch Stile und Gattungen. In Ellwangen zu hören waren „Fünf Gesänge mit Klavier“ aus dem Jahre 1919. Sie wurden von Esther Choi mit bester Unterstützung von Paul Weigold respektvoll vorgestellt, lineare Illustrationen des Textes eines unbekannten Dichters über menschliches Glück und menschliche Not.

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