„Hast Du kein Geld, hast Du keine Idee“

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Mit nur fünf Spielerinnen und Spielern führt das Theater der Stadt Aalen im Kulturbahnhof das „Automatenbüffett“ auf. Am Samstag war Premiere. Foto: Theater der Stadt Aalen/Peter Schlipf
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Starke Premiere im Kulturbahnhof: Bravouröses Ensemble-Theater „Automatenbüffett“ im Theater der Stadt Aalen mit Julia Sylvester in der Hauptrolle.

Aalen

Ein Holzkasten, mannshoch, drei Meter lang, lange Holzstufen in gefälligem Bogen, am Fuße der Treppe eine Pfütze, auf der anderen Seite der Hütte ein Bootssteg. Darauf steht ein Angler, in der Pfütze liegt eine sommerlich bekleidete Frau.

So beginnt die Inszenierung von „Automatenbüffett“ von Anna Gmeyner, das am Samstagabend im Theater der Stadt Aalen Premiere hatte. Das Stück wurde von der linksintellektuellen Gmeyner geschrieben, wurde in Deutschland 1933 als „entartet“ verboten. Beschrieben wird der moralische Zustand in der Provinz während der sozialen Vorhölle der Nazi-Machtergreifung. Antisemitismus ist ein Thema in Gmeyners Text, dazu männlicher Chauvinismus, bourgeoise Verlogenheit und Intrigen, Begehren, Macht und Unterdrückung, Idee und Scheitern.

Anne Habermehl (Regie) und Tina Brüggemann (Dramaturgie) inszenieren das Drama als Reduktion, verdichten den Stoff zu einem spannenden Panorama von Leidenschaft und Emotion, Grenzerfahrung und Bemächtigung, knapp zwei Stunden Intensivtheater mit philosophischem Tiefgang und grotesker Satire, Zeitgeschichte und Politik geraten an den Rand. Die Rollenliste ist eingekürzt von 17 Charakteren bei Gmeyner auf sieben bei Habermehl. Das führt zu einer gelegentlichen Unübersichtlichkeit und fordert hohe Aufmerksamkeit. Trotzdem oder vielleicht deshalb entsteht bestes inspirierendes Theater.

Adam, der Angler, rettet die lebensmüde Eva aus der Pfütze, bringt sie zum Automatenrestaurant seiner Ehefrau. Die reagiert mit schroffer  Bossigkeit auf die attraktive junge Frau, setzt sie aber als Köder für den Bierumsatz im Clubraum ein. Adam ist besessen von der Idee, die vorhandenen Fischgewässer zu einer ökologisch korrekten Fischproduktion zu sanieren, um so das Volk mit gesundem Fisch zu versorgen. Der Metzger im Städtchen fürchtet die Konkurrenz für Fleisch und Wurst, der Oberförster will die ihm gehörenden alten Fischgewässer nicht verlieren, der Bürgermeister verheiratet gerade seine Tochter mit dem Junior des Fleischers und möchte den Vater nicht vergrämen.

Adam setzt Eva auch als Köder ein, sie bringt ihren Liebreiz für den Seitenwechsel einiger Honoratioren ein, die Chancen für Adams Projekt steigen, er muss nur noch eine Anschubfinanzierung aufbringen, was ihm aber nicht gelingt, weil seine Frau ihm die nötige Unterstützung aus ihrer Erbschaft verweigert. Stattdessen jagt sie Adam und Eva und den Stammgast Puttgam vom Hof, und lässt den Kellner als ihren neuen Lover den Rausschmiss mit schnarrendem Ton des ermächtigten Nazis exekutieren. Das neue Paar kuschelt auf dem Dach, Adam und Eva sitzen am Ende in der Pfütze und sinnieren über Zweisamkeit und Zukunft. Nach nonstop einer Stunde und 55 Minuten ist das Stück aus.

Fünf Profis mit großer Klasse sind das Ensemble. Bernd Tauber gibt seinen beiden Rollen individuelles Profil, dem grantelnden Oberförster, der Eva zart begockelt; Puttgam, seine zweite Figur, ist ein ehemaliger, jetzt obdachloser Lehrer. Tauber zeigt ihn in spröder Liebenswürdigkeit und mit viel skurrilen Einlagen, ein starker Beitrag zum spielerischen Erfolg der Inszenierung.

Margarete Lamprecht prägt stimmig und bewegend die Frau Adam; deren Entwicklung von einer verpeilten, aber selbstbewussten Wirtin zur alternden, ihrem Nazi-Kellner verfallenen Furie wird großartig gespielt, gesungen, gerappt. Arwid Klaws zeigt den Adam als liebenswürdigen Visionär, dessen Idee an dem von Eva formulierten Dogma scheitert: „Hast Du kein Geld, hast Du keine Idee“. Klaws zeigt Höhenflug, Umtriebigkeit und Absturz Adams mit intensivem Spiel und nachvollziehbarer Plausibilität. Manuel Flach spielt den Pankraz, den Kellner, und den Boxer, Evas Ex-Lover mit souveräner Lässigkeit. Die Hauptrolle Eva wird von Julia Sylvester unter Einsatz ihrer vielen spielerischen Möglichkeiten vorzüglich ausgefüllt von der kiebigen Geretteten über die Auftragsprostituierte bis zur rührenden Poetin im Schlussdialog mit Arwid Klaws, dem Adam.

Arwid Klaws (Adam) hat Eva (Julia Sylvester) gerettet
Julia Sylvester (vorne) und Margarete Lamprecht in "Automatenbüffett"
Manuel Flach und Margarete Lamprecht in "Automatenbüffett"
Julia Sylvester (rechts) und Margarete Lamprecht in "Automatenbüffett"

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