In Aalen fast vergessen: Frieda Dierolf

+
Prof. Dr. Ludger Lohmann eröffnete an der Rieger-Orgel der Aalener Stadtkirche den Bach-Reger-Zyklus 2023. Insbesondere bei Max Regers Phantasie zum Bach-Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ zeigte er sich als grandioser Virtuose. Foto: Holger Bewersdorf
  • schließen

Der Bach-Reger-Zyklus in der Stadtkirche startet mit bester Musik mit dem Organisten Ludger Lohmann und einer historischen Überraschung.

Aalen

Orgelmusik vom Besten, eine Mezzosopranistin bringt romantische und bachische Lieder in traditionellem Gesangsstil, ein Vortrag über Frieda Dierolf, eine Altistin, die in den 20er und 30er Jahren international berühmt war und aus Aalen stammte. Mit diesem aparten Programm begann der Bach-Reger-Zyklus in der Aalener Stadtkirche. Die ganzjährige Konzertreihe hat Kirchenmusikdirektor Thomas Haller organisiert, auch aus Anlass des 150. Geburtstags des Komponisten Max Reger.

Mit dem Orgelpräludium „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ von Johann Sebastian Bach eröffnete Prof. Dr. Lohmann. Er spielte das feine Stück in seiner schlichten Größe transparent, mit delikater Registrierung und herzerwärmend schön.

Am Ende zeigte sich Lohmann als grandioser Virtuose bei Max Regers ausführlichen Phantasie zum gleichen Choral, ein vielfältiges Werk mit einer gewaltigen Kadenz, so volltönend hört man die Rieger-Orgel in der Stadtkirche selten. Hinreißend waren besonders die herzhaften Kontraste von massivem Tutti zu feinsinnig komponierten und empfindsam gespielten Miniaturen, die wie Zwischenspiele wirkten. Große Organistenkunst.

Lieder von Max Rieger und seinem Zeitgenossen Hermann Suter brachte die Mezzosopranistin Frauke May-Jones zu Gehör. Begleitet von Bernhard Renzikowski am Flügel (auf der Empore) sang sie die Altpartien im Stil der Gesangsvorträge der 20er Jahre, expressiv, mit Pathos und kontrolliertem Tremolo und demonstrativ innig. Auch die Arie aus der Bachkantate BWV 169 (Stirb in mit Welt und alle deine Liebe) sang sie mit dieser Retro-Attitude, wunderbar, diesen Sound live zu hören.

Zwischen den Liedvorträgen am Anfang gab es den Vortrag „Frieda Dierolf (1894 – 1985) – eine große Aalener Rieger-Interpretin“ in drei Teilen. Die Rieger-Forscherin Prof. Dr. Susanne Popp berichtete von der in Aalen geborenen Altistin, die bis in die hohen 30er Jahre hinein eine international berühmte und erfolgreiche Sängerin auf den Konzertpodien vornehmlich in Europa war.

Frieda Dierolf konzertierte mit den führenden Orchestern und Dirigenten von Fritz Bosch bis Wilhelm Furtwängler. In den Konzertberichten wurde sie hoch bejubelt wegen ihrer schönen Stimme und ihrer fulminanten Sangeskunst.

1938 wanderte Frieda Dierolf über die Schweiz nach Italien aus mit der Begründung, den in Deutschland grassierenden Rassismus und Antisemitismus und den Unrechtsstaat nicht ertragen zu wollen. Einige Monate später kehrte sie dem ganzen Musikbetrieb den Rücken zu, ging in Italien in ein Kloster, nachdem sie vom evangelischen zum katholischen Glauben übergetreten war. Seitdem war sie außerhalb der Klostermauern nicht mehr als Sängerin zu hören. Sie starb im Jahre 1985. Kurz vor ihrem Tod waren zwei Reporter der Schwäbischen Post noch nach Italien gereist, um mit Frieda Dierolf zu sprechen – durch ein Fensterchen in der Pforte.

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Kommentare