Jazz in Stufen: Spirit, Emotion, Ekstase

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Max Herre und Web Web – Web Max
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30. Aalener Jazzfest mit melancholischen Songs von Myles Sanko, mit Cimafunk als „heißeste Band Kubas" und mit intensiver Musik von Web Web x Max Herre alias Web Max.

Aalen

Der Freitag des 30. Jazzfests ist ein Abend mehrstufiger Kontraste. Myles Sanko, Cimafunk und Web Web x Max Herre alias Web Max stehen auf dem Programm, das um 19 Uhr in der Stadthalle Aalen startet.

Stufe eins: Soul mit emotionaler Note. Weich und wohl temperiert klingt die Stimme des britisch-ghanaischen Sängers durch die Ränge. Myles Sanko ist ein Mann weniger Worte. Er muss das Publikum nicht gewinnen, er hat es schon gewonnen – kein Wunder, gastierte er bereits mehrfach auf dem Jazzfestival in Aalen. „Is there love in the house?“, wird er mehrmals an diesem Abend fragen, und die Antwort wird jedes mal lauten: „Yeah.“ Erst im März hat Sanko sein viertes Album „Memories Of Love“ veröffentlicht und einige Lieder mitgebracht. Bittersüß klingen die Zeilen von Blackbird Sing: „Something heavy is on my mind – On this cold beautiful winters day“ – ja, melancholische Songs und trotzdem: Wenig schwermütig tanzt sich Sanko durch das Programm. Einer der Höhepunkte ist, als alle Mitmusiker nacheinander ein Solo spielen. Gäste erheben sich, die Temperatur steigt.

Stufe zwei: kubanische Eskalation. Der Sänger, Komponist und Produzent Erik Iglesias Rodríguez bricht mit seinem Alter Ego Cimafunk Genregrenzen auf, steckt Funk mit kubanischer Musik und afrikanischen Rhythmen in einen Mixer und drückt auf den Knopf. Der Künstlername Cimafunk ist teilweise dem lateinamerikanischen Spanisch entlehnt. Das Wort „cimarrón“, das darin steckt, bedeutet in diesem Wortspiel so viel wie „wild“ und „entlaufen“. „Die heißeste Band Kubas“, kündigt Jazzfest-Veranstalter Ingo Hug den Act an. Und dann wird es wahrhaftig wild, denn kaum zu bändigen sind die Musikerinnen und Musiker, die mit dem Frontmann auf der Bühne stehen. Das Nonett zündet mit den ersten Strophen den Turbo und der Saal vergisst die Stühle und tanzt. Wie im Rausch verbinden sich Lieder zu einem großen Ganzen. Es formt sich ein Wirbelsturm aus Perkussionsinstrumenten, Posaunen, die sich mit dem Saxophon duellieren und dicken Basslines.

Sinnbildlich für die Performance steht Cimafunks neustes Werk „El Alimento“, in dem sich der Kubaner an Kindertage, überbordende Feste mit Freunden und Verwandten und das Erwachsenwerden erinnert. Erwachsen möchte hier niemand werden, es wird getanzt, bis sogar die Zuschauer auf der Bühne stehen. Ekstase.

Stufe drei: der „Spirit“ des Jazz. Max Herre ist durch seine Hip-Hop-Musik bekannt geworden. Das gibt er selbst zu, als er sich an den großen Flügel setzt, der dort auf der Bühne in der Stadthalle steht. Doch eine Begegnung sollte die Tore für ein neues Projekt öffnen. Herre lernt bei einem Gregory-Porter-Konzert Roberto Di Gioia alias Web Web kennen. Der Austausch bereitet einen fruchtbaren Boden für inzwischen jahrelange musikalische Zusammenarbeit. Vor allem dem Jazz der 1970er Jahre haben sich die Akteure verschrieben. Von abstrakt, irrlichternd und impulsiv bis hin zu eingängig und sphärisch – das Quintett spannt den Bogen weit. Immer wieder im Fokus: Flötist und Saxophonist Tony Lakatos, der sich oft als Dreh- und Angelpunkt erweist und sogar zwei Blasinstrumente gleichzeitig betätigt.

„Worte auf diese intensive Musik zu finden, ist oft schwer“, sagt Herre – auch wenn der Spiritual Jazz, den Web Max präsentieren, überwiegend instrumental ist, verzichtet Max Herre nicht darauf, ein ums andere Mal abseits der Anmoderation seine Stimme erklingen zu lassen. So auch mit dem Text zu Diebesgut, aus seinem Album Athen: „Den Weltschmerz überschütt' ich mit Platin und Gold – Ich zerhack' mein Spiegelbild mit der Kreditkarte – Die Giftschlange stellt die Quizfrage – Soll's das schon sein?“

Nein, das war es noch nicht, denn beim Jazzfest ist gerade erst Halbzeit.

Cimafunk beim Jazzfest in Aalen
Cimafunk brachte die Stadthalle zum Kochen.
Myles Sanko machte mit seiner Band beim Jazzfest am Freitag den Anfang.
Myles Sanko machte mit seiner Band beim Jazzfest am Freitag den Anfang.

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