Kohlenklau und blaue Milch

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Klaus Peter Domberg liest aus seinem Buch "n Liter Milch" im Paul-Ulmschneider-Saal.
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Klaus Peter Domberg erzählt im Literaturtreff der Aalener Stadtbibliothek von seinen Erlebnissen als Kind und Jugendlicher. Geschichten von Dresden bis Aalen.

  • Was Sie über das Buch wissen sollten
  • „ 'n Liter blaue Milch! – Als kindlicher Wanderer zwischen den Systemen“ ist in den regionalen Buchhandlungen erhältlich – allerdings, laut Autor Klaus Peter Domberg – nur per Bestellung; 164 Seiten; Books on Demand; Autobiografie.

Aalen

Wer braucht schon Weltliteratur, wenn man Hausmannskost erhält. Als Hausmannskost bezeichnet Klaus Peter Domberg sein Buch „'n Liter blaue Milch“: als kindlicher Wanderer zwischen den Systemen. Es ist vorzügliche und unterhaltsame Hausmannskost, die Domberg im Paul-Ulmschneider-Saal des Torhauses seinem Publikum aus überwiegend „Best Agern“ serviert. In gut zwei Stunden gelingt ihm, der heute in Bühlerzell fast auf der Kreisgrenze von Hall und Ostalb lebt, der Spagat zwischen der Geburt in Dresden im Kriegsjahr 1940 und den ersten Schulerfahrungen am Schubart-Gymnasium in Aalen 1956.

Ums SG und die Kocherstadt geht's in der Lesung lediglich am Rande. Zwei Anekdoten entlockt Bibliotheksleiter Michael Steffel dem Autor dennoch. Paul Ulmschneider war Dombergs Erdkundelehrer am Schubart-Gymnasium: Ein erstes Treffen mit ihm wird zum Fiasko. Weil Klassenkameraden den nebenberuflichen Vhs-Leiter „dr Bull“ nennen, spricht er ihn mit „Herr Bull“ an. Ohne Frage, daraus wird keine Freundschaft fürs Leben. Bemerkenswert auch die Geschichte um die Gasteltern, bei denen der jugendliche Klaus Peter untergebracht ist, bis seine Mutter nachkommt. Die sind gut katholisch und nennen den Evangelischen „an Wiaschdglaibigen“.

Mit einem knitzen Augenzwinkern und Humor erzählt er dies und vieles andere. „Ich wurde im Februar morgens um 3.45 Uhr geboren. Ich erinnere mich noch gut: An ein Ausschlafen war nicht zu denken“ – nimmt Domberg seine 50 Gäste mit auf eine Reise, die gleichzeitig eine temporeiche und spannende Zeitenreise im geteilten Deutschland ist.

So erzählt er vom Elbflorenz, wo er als Bub mit seinem Bruder Hannes und seiner Mutter im Luftschutzkeller sitzt, als Amerikaner und Engländer Dresden bombardieren. Eindrücklich sind Dombergs Schilderungen von einer Feuerhölle durch Phosphorbomben und vom Beschuss durch Flieger. An anderer Stelle lässt er seine Zuhörer teilhaben an einer fast unbeschwerten Kindheit, in der die beiden Brüder von schwarzen US-Soldaten Schokolade und Kaugummis – damit wussten wir zunächst nichts anzufangen und haben sie einfach geschluckt – geschenkt bekommen.

In ungefähr diese Zeit fällt auch die Unterbringung in einem Doppelhaus, wo Klo und Küche so dicht beieinander sind, dass er auf der Toilette sitzend, die Anordnung der Mutter nicht nur einmal befolgt: „Dreh mal den Herd aus.“

Domberg beschreibt den Kohlenklau auf einem Güterbahnhof mit bewaffneten russischen Soldaten oder die Flucht in den 1950ern aus der damaligen Ostzone in den Westen beschreibt.

Ganz unprätentiös betont Domberg, dass sein Schicksal und das seiner Familie nichts Besonderes sei. Doch warum hat er dann die Familiengeschichte aufgeschrieben? Das erfährt man im Prolog: der Enkel Robin und Mira wegen, die erfahren sollten, was es damals alles noch nicht gab; Smartphones und Tiefkühlpizza. Und „damit nichts in Vergessenheit gerät, unter welchen Umständen meine Generation ihre Kindheit und Jugend erlebte“.

Oft nickt das Publikum und fühlt sich erinnert an die eigenen jungen Jahre und manches lernt es neu: Etwa was „'n Liter blaue Milch“ bedeutet: Magermilch. Die gibt es zu dieser Zeit im Hause Domberg.

Klaus Peter Domberg liest aus seinem Buch "n Liter Milch" im Paul Ulmschneider Saal.
Klaus Peter Domberg liest aus seinem Buch "n Liter Milch" im Paul Ulmschneider Saal.

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