Kunst, die unerwähnte Geschichten erzählt

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Die gebürtige Ellwanger Künstlerin Eva Gentner.

Die Künstlerin Eva Gentner erklärt, welche Idee sich hinter ihrer Ausstellung "Narrative Void" verbirgt. Eröffnet wird sie am Sonntag, 12. September auf Schloss Kapfenburg. Von Dagmar Oltersdorf

Lauchheim-Hülen.Geschichten erzählen, die nicht erzählt sind. Nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil sie nicht im Blickwinkel des Erzähler waren. "Narrative Void - Sieben Ergänzungen zur Geschichte von Schloss Kapfenburg" so der Titel der Ausstellung der gebürtigen Ellwangerin Eva Gentner, die unerzählte Geschichten in neu geschaffenen Kunstwerken aufzeigt. Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 12. September auf Schloss Kapfenburg. Die Künstlerin Eva Gentner erklärt ihm Interview mit Dagmar Oltersdorf, welche Gedanken sie bei der Schaffung ihrer Arbeiten geleitet haben.

"Eva Gentner hat unerwähnte gebliebene Geschichten von sieben Frauen, die mit Schloss Kapfenburg verbunden sind, recherchiert", steht in dem Booklet zur Ausstellung. Geht es um Feminismus?

Eva Gentner: "Ich habe versucht, das nicht so offensiv zu machen, sondern subtil. Die Frau schlägt einen nicht ins Gesicht. Es geht einfach um weniger prominente Menschen. Das aber sind in der Burggeschichte eben die Frauen.

Wie kam es zu der Idee?

Entstanden ist das Konzept aufgrund einer Anfrage des Akademiedirektors Moritz von Woellwarth. Er hat meine Ausstellung im Atelier Knoedler gesehen und mich dann in die Kaplanei eingeladen. Dort gibt es auch leere Vitrinen, die eigentlich mit Exponaten des Deutschordens bestückt werden sollten. Damit musste ich als Künstlerin umgehen. Ich habe dann angefangen, die Schautafeln zu lesen, weiterzuforschen, habe mir Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen. Dabei ist mir dann aufgefallen, das einige Dinge unerwähnt blieben. Das Konzept ist also von diesem Raum her entstanden.

Wie stellen Sie denn die Bezüge her?

Mit jedem Kunstwerk von mir beziehe ich mich mit ein, zwei Sätzen auf diese Schautafeln. Es heißt zum Beispiel, die Burgherrinnen waren zur Keuschheit verpflichtet, aber eine historische Urkunde verweist darauf, dass die Frau eines Kompturs 2000 Gulden im Jahr bekam. Das widerspricht dem Gebot der Keuschheit und der Armut. Das eben beweist ein anderes Bild als das, was erzählt wird. Eine andere Schautafel zeigt die Burggeschichte bis Napoleon. Dann ist eine Lücke mit 'zwischenzeitlicher Nutzung' und es geht weiter mit 1967. Bei meinen Recherchen bin ich auf die Gauschule gestoßen, die es dort gab. Dort wurden während der Nationalsozialismus Männern und Frauen fortgebildet. Die meisten Frauen waren wohl in den Kindergärten beschäftigt. Man kann das nicht einfach weglassen. Es ist ein schwieriger Teil, weil sie sich dort offenbar auch um die Euthanasie gekümmert haben. Es zeigt die Boshaftigkeit des damaligen Systems.

Ihre Arbeit dazu heißt "Die Mörderin". Sie zeigt eine Uniform mit einem Hakenkreuz. Das ist schon etwas verstörend...

Die Arbeit imitiert eine Ausstattung, wie es einer Auszubildenden der Gauschule Kapfenburg hätte ausgehändigt werden können. Mit einer originalen NSV-Nadel, die ich bei Ebay ersteigert habe. Künstlerinnen und Künstler, und nur die, sowie im historischen Kontext etwa in Museen dürfen diese gezeigt werden.

Schuhe, eine Brosche, alles sieht auf den ersten Blick sehr originalgetreu aus. Wollen Sie den Betrachter täuschen?

Es war nicht mein Anspruch, zu faken. Sondern es ging darum, Kunstwerke des 21. Jahrhunderts zu schaffen, die eine wahre Begebenheit erzählen, weil es die dazu gehörigen Kunstwerke eben nicht gibt als rein historische Objekte. "Die Geistliche" ist ein Aquarell, dass ich auf eine leere Seite in einem Buch gemalt habe, dass ich Paris auf dem Second-Hand-Markt gekauft habe. So habe ich das fehlende Artefakt zu dem Psalter geschaffen. Es geht auch darum, wer was erzählt und was erzählt werden will.

Können Sie das konrektisieren?

Vieles wurde verdreht, um es mit dem Weltbild des 20. Jahrhundert sehen zu können. Nehmen Sie zum Beispiel aktuell die neuesten Forschungen zu Dschingis Khan. Eigentlich wollte er alles seiner Tochter hinterlassen, weil er sie als am besten geeignet sah, das Erbe zu tragen. Dieser Wunsch wurde aus den Chroniken einfach gelöscht. Ich wollte aber nicht eine explizit feministische Position einnehmen, sondern wesentliche Punkte ergänzen, die gefehlt haben, etwas machen, was einen Mehrwert ergibt. Mit etwas Augenzwinkern, aus einer künstlerischen Perspektive heraus. Die sieben Arbeiten ergeben zusammen einen neuen Gesamtklang über das Leben der Frauen auf der Kapfenburg.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 12. September, 16 Uhr, im Rittersaal auf Schloss Kapfenburg eröffnet. Musikalische Gestaltung: Claudius Zott und Eva Gentner. Anmeldung bis Mittwoch, 8. September, bei Heike Wild unter Tel: 07363-961837 oder per Mail an wild@schloss-kapfenburg.de

Eva Gentner wurde in Ellwangen geboren und studierte bis 2017 an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Sie erhielt u.a. das EHF 2010 Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Preis für Bildende Kunst der Stiftung Rainer Wild, das Stipendium für Bildende
Kunst der Kunststiftung Baden-Württemberg (2018) sowie ein Stipendium an der Cité internationale des arts Paris (2019). Ihre künstlerische Praxis reicht von Malerei über Skulptur, Video, Literatur bis Neue Musik und zeitgenössischem Tanz. Sie lebt und arbeitet in Mannheim.

„DIE EHEFRAU”, 2021 Seide / Perlen / Leder / u.a.

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