Let the sun shine, it’s not too late

  • Weitere
    schließen
+
An der Bar am Tiefen Stollen: (von links) Bernd Tauber, Diana Wulf, Julia Sylvester und Manuel Flach.
  • schließen

Theater der Stadt Aalen führt eine deutsch-englische „Klimagroteske“ mit Gesang und Action im Aalener Kulturbahnhof (KubAA) auf.

Aalen

Auf der leeren Bühne spielt ein schwarz gekleideter Mann Cello, dann ein entsetzlicher Knall, das auf den Vorhang gemalte Bild des Matterhorns zerfällt in Felsbrocken. Sogleich wird die Bühne möbliert, eine Bar, Sitzringe, ein Pianospieler samt Piano werden auf Paletten reingewirbelt. Small Talk über Autos und deren Unsinn hebt an, über Klima und Katastrophe, über Wissenschaft und Politik, alles munter, witzig oder zumindest darum bemüht.

Chica, die Bartenderin im „Hotel am Tiefen Stollen“, macht Stimmung, und gibt Einsätze. Der Knall entstand durch eine der regelmäßigen Sprengungen, die in dem Gebirge irgendwo auf der Ostalb veranstaltet werden, weil gesprengter Fels Kohlendioxid binde, heißt es. Geröll und Gestein fällt vom Himmel in die Bar, Chica kommt mit dem Besen über den Tresen und fordert zum Kehren auf: „Hier, you can take care“.

„Let the sun shine“ hält dieses Unterhaltungsniveau. Ohne Mühe reihen die Schauspieler solcherlei Dialoge, Slapsticks, Songs aneinander, unterstützt vom Nachwuchs aus einem Spielclub des städtischen Theaters, unterstützt auch von einer acht Frauen starken Truppe des Aalener Bürgerchores. Besprochen und besungen werden Themen und Aspekte der Klimakatastrophe, diskutiert werden methodische Probleme des Systemwandels gegen den Klimawandel dafür. Die Songs, meist in amerikanischem Englisch, beklagen Untergangsszenarien und die Untätigkeit so vieler Politiker und Privatmenschen angesichts des dramatischen Klimas. Der Ton ist munter, neigt sich ins Sarkastische, schrammt am Zynismus vorbei und gipfelt in jugendbewegt-unverdrossenem Refrain: „It‘s not too late.“

Die groteske Handlung des Stückes: Chica organisiert eine Party, die zerstrittene Wissenschaftler zusammenbringen soll. Amundsen (auch Chicas Vater) hat die Sprengung als Mittel gegen die Kohlendioxid-Verschmutzung gefunden, sich dann aber aus dem Wissenschaftsbetrieb zurückgezogen. JP, Kollegin und/oder Schülerin, vielleicht auch Ex des alternden Amundsen, kommt voller Skepsis in das Hotel am Tiefen Stollen. Kaum sind Amundsen und JP auf der Fläche, gibt es Streit um Methoden und Wissenschaftsethos. Der wird unterbrochen von weiteren Sprengungen, bei einer wird ein junger Mann aus der Clique um Chica schwer verletzt, die jungen Leute verfallen in panische Trauer und beginnen sich zu streiten wie die Alten. Dann und wann ein schwarzer Mann (Kleidung), der durch die Szene schreitet, innehaltend die Bühne und was darüber ist inspiziert und von dannen geht.

Schwung und Tempo

Tina Brüggemann, die Chefdramaturgin des Aalener Theaters, hat das Stück geschrieben und inszeniert. Schwung und Tempo bewahren das eineinhalbstündige Drama vor der Langeweile eines Seminar-Theaters; das Etikett „Groteske“ öffnet die Möglichkeit, Logik, Zusammenhang und Konsistenz der Handlung nicht zu wichtig zu nehmen und gelegentliche Brüche wuchtig zu überspielen.

Schwer verständlich sind einige Szenen des Spielclubs, die die Handlung vorantreiben, deren Dialoge aber grenzwertig artikuliert sind. Unklar bleibt auch, wie die acht Damen des Bürgerchores in ihrer uniformen Arbeitskleidung der Handlung beigeordnet werden. Immerhin sind ihre Songs und Deklamationen gut verständlich und gut anzuhören.

Beste Spiel- und Sprechkunst

Die Profis des Theaters zeigen beste Spiel- und Sprechkunst, eine Freude nach der langen Theaterdürre. Bernd Tauber gibt den grantigen Altwissenschaftler und singt mir rauer Stimme und bewegender Stimmung seine Songs. Julia Sylvester ist die laute und freche Betriebsnudel hinter, auf und vor dem Bartresen, auch sie bestens bei den Songs. Manuel Flach legt seinen „Ben“ als Everybody's Darling an und singt mit artiger Akkuratesse. Vjaceslav Kiselev trägt Cellostücke von J.S. Bach vor und inspiziert als „Er“ die Welt, Claus Wengenmayr begleitet hintergründig die Songs und trägt mit leichtem Bariton selbst einen vor.

Die jungen Leute vom Spieleclub präsentieren sich abgesehen von einigen Artikulationsschwächen in schöner Vorprofessionalität.

Eine Metapher?

Die Songs werden zumeist englisch gesungen. Ihr Inhalt dürfte vielen im Publikum deshalb verborgen bleiben, es versteht die Bedeutung der Songs nicht, grad‘ so, wie ein großer Teil der Menschen die Welt in der Klimakatastrophe nicht mehr versteht. Am Ende ist dieser Verzicht auf Übersetzung eine dramaturgische Metapher? Who knows …

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL