Wespels Wortwechsel

Manfred Wespel über Ruchlos und geruchlos

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Manfred Wespel

Manchmal verschwindet ein Wort völlig aus dem Wortschatz, und von einer oft reichen Wortfamilie bleibt nur ein Wort übrig, das dann wie ein Einsiedler ohne Verwandtschaft einsam überdauert. Wer kennt schon die Herkunft von „ruchlos“ bzw. „verrucht“? Und wer ahnt, dass auch das Wort „geruhen“ aus derselben Familie stammt?

„Wann geruhen der Herr, sein Zimmer aufzuräumen?“

Das verschwundene mittelhochdeutsche Wort „ruoche“ bedeutete Sorge, Sorgfalt, Rücksicht, Acht, Bedacht, und wer sich völlig sorglos, rücksichtslos verhielt, war eben ruochlos. Ruchlos und verrucht haben dabei eine Bedeutungsverschlechterung erfahren und bedeuten heute gemein, schändlich, niederträchtig, sogar verbrecherisch. Wenn sich aber jemand geruochte etwas zu tun, dann handelte er besorgt, mit Achtsamkeit – heute wird „geruhen“ eher als herablassend angesehen und oft ironisch verwendet. Schon im Mittelhochdeutschen gab es zu ruoche eine Reihe ähnlich klingender Wörter mit vielen Varianten. So rûch bzw. ruoch für Rauch, rû bzw. ruo für Ruhe und ruch bzw. rucht für Geruch. Wenn aber ein Stammwort wie ruoche verschwindet, lehnt sich das isolierte Wort (ruochlos) gern an ähnliche bestehende an – und so wurde aus ruochlos ruchlos und aus geruochen dann geruhen. Beide haben aber weder etwas mit Geruch, noch mit Rauch oder Ruhe zu tun.

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