Marcus Bosch: "Tannhäuser" mit Vollbesetzung

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Marcus Bosch, künstlerischer Leiter der Opernfestspiele Heidenheim.
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Der künstlerische Leiter der Opernfestspiele Heidenheim gibt einen Ausblick aufs Programm, die Hauptoper „Tannhäuser“ und spricht über Kulturarbeit in Zeiten der Corona-Pandemie.

Heidenheim

Da capo! - von vorne, das ist das Leitmotiv, unter dem die Opernfestspiele Heidenheim 2022 vom 4. Juni bis zum 31. Juli stehen. Schaut man auf das Programm, dürfte damit nicht nur die Hauptoper „Tannhäuser“ gemeint sein, die schon 2021 im Rittersaal zu erleben sein sollte. Auch andere Konzerte und Konzepte, die in der Saison 2021 der Pandemie zum Opfer fielen, stehen neben viel Neuem erneut auf dem Spielplan. Über diesen, aber auch über Kulturarbeit in der Pandemie spricht der künstlerische Leiter der Opernfestspiele Marcus Bosch im Interview mit Redakteurin Dagmar Oltersdorf.

Herr Bosch, wenn Sie auf die Saison 2021 zurückblicken, welche drei Worte fallen Ihnen da ein?

Marcus Bosch: Noch Glück gehabt.

Worin lag denn dieses Glück in einem doch sehr schwierigen Jahr?

Ich habe mich vor allem gefreut, dass wir wunderbare Musik gemacht haben. Beispielsweise die konzertante Aufführung von Verdis „Il trovatore“ mit einer Spitzenbesetzung, und viele andere Konzerte, die wir spielen konnten. Wir haben uns mit der Brenzpark-Arena ein neues Spielfeld erobert, das wir in die Festspiele im übernächsten Sommer integrieren werden. Die Sponsoren haben uns die Treue gehalten, das Publikum war da, wenn wir da waren. Bei all dem Negativen überwiegt das – und ich bin glücklich in die Ferien gegangen.

Kein Frust über die Einschränkungen für die Kultur?

Insgesamt gibt es viel Ärgerliches, Unnötiges und auch Abstruses innerhalb der Regelungswut der Politik. Ich bin in vielen Bundesländern unterwegs und bekomme viel mit. In Bayern dürfen Konzerte vor einer Auslastung mit Publikum von 25 Prozent, 2Gplus und Maske gespielt werden, im Restaurant gilt 2G ohne Plus und ohne Maske, in Mecklenburg hat - obwohl anders angekündigt - wieder alles zu, die Elbphilharmonie darf zu 95 Prozent besetzt werden. Da fragt man sich schon, inwieweit die Politikerinnen und Politiker vor dem Spiegel selbst noch ihre Glaubwürdigkeit sehen. Für freiberufliche Musikerinnen und Musiker ist es sehr schwer. Ob die Krise so, wie sie ist, notwendig ist, dahinter stelle ich ein großes Fragezeichen.

2021 ist auch das Jahr, in dem das OH!-Orchester, die Cappella Aquileia, den Opus Klassik gewonnen hat. Was bedeutet das für die Opernfestspiele?

Zunächst mal rückt man natürlich in den Blickwinkel und den Lichtkegel einer gewissen musikalischen Prominenz. Da dazu zu gehören, ist schön, und es verdeutlicht einmal mehr, dass die Aufmerksamkeit für die Opernfestspiele in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist. Jetzt gilt es, das nächste Sahnehäubchen zu erobern.

Nun der Blick nach vorne: Die große Oper wird 2022 Tannhäuser sein. In abgespeckter Version?

Wir planen mit Vollbesetzung. In reduzierter Besetzung macht der „Tannhäuser“ keinen Sinn. Wir stehen ja jetzt auch vor der Frage, wie es weitergeht. Spanien hat angekündigt, bei einem Rückgang der Zahlen Corona nunmehr wie eine Grippe zu behandeln. Als medizinischer Laie habe ich die Hoffnung, dass dann bei uns die Omikron-Welle ebenfalls zu einer endemischen Lage führen wird. Wir waren ja schon einen Schritt weiter, aber vielleicht entwickelt sich auch alles im Krebsgang: zwei Schritte vor, einer zurück.

Und der Tannhäuser auf der Bühne - auf was darf sich das Publikum da freuen?

Wir haben einen tollen Cast engagieren können und wie beim „Fliegenden Holländer“ wird Georg Schmiedleitner inszenieren. Das verspricht aktuelles viriles Musiktheater mit lebendigen Figuren. Nichts Abgestandenes, sondern eine wirklich erfahrbare Übersetzung der historischen Fassung. Wir spielen auf einem Schloss wie auch der „Tannhäuser“, werden aber sicherlich nicht eins zu eins adaptieren. Das haben wir auch beim „Holländer“ so gemacht und hatten damit einen tollen Erfolg.

Weitere Opern stehen zudem an, unter anderem „Tristan und Isolde“ in der Winteroper. Viel Arbeit für die Beteiligten unter erschwerten Probenbedingungen. Wie hält man da die Motivation hoch?

Das ist nicht schwer. Die Musikerinnen und Musiker, die kommen, weil sie es unbedingt wollen und sie tun alles, um spielen zu können. Das Motivationsproblem ist also gleich Null, es gibt eher eine überbordende Freude, wenn ich an die vergangenen Konzerte denke. Nun haben wir noch das Geburtstagskonzert der Cappella im Februar vor der Nase. Dann die Winteroper „Tristan und Isolde“ - Verbotene Liebe - mit der Cappella Sinfonietta Essenbach, Manuela Uhl und Hans-Georg Wimmer als Solisten. Im zweiten Teil wird erneut Filmmusik eine Rolle spielen, Holger Wemhoff moderieren. Eine sehr spezielle Zusammenstellung. Und Tristan zu dirigieren ist ohnehin mit das Größte.

Erneut ein Programm, das ein neugieriges und flexibles Publikum erfordert ...

Wir bieten viel Verschiedenes. Aus persönlicher Lust und Überzeugung heraus. Das Konzert mit der Filmmusik und das Brahmsfest, das waren die jüngsten Höhepunkte, die zeigen, dass man in Heidenheim die Chance hat, Großstadtkultur auf hohem Niveau freudig zu erleben. Wir werden im Sommer zum ersten Mal die NDR Big Band mit Omar Sosa zu Gast haben. Das zeigt, dass wir auch beim Jazz ernst genommen werden. Die  Pop-Up-Oper über Georg Elser „Nau bens hald I“ kommt so gut an, dass wir damit weitergehen. Es sind also Opernfestspiele mit vier Opern. Manchmal erschrecke ich selbst, wenn ich sehe, was wir alles machen (lacht).

Wichtiger Bestandteil der Opernfestspiele ist immer auch die Kinderoper. Diesmal geht es wortwörtlich um die „Wurst“. Was hat das mit dem „Tannhäuser“ zu tun?

In diesem Fall geht es wegen der Verschiebungen in den vergangenen zwei Jahren nicht um Bezüge zur Hauptoper. Es geht um eine Wurst, einen Schwartenmagen, der zur Hexe wird, von der die Kinder, die alleine zuhause sind, Angst bekommen. Da werden allerhand Dinge zum Leben erweckt. „Wurst“ ist tatsächlich der ungewöhnlichste Titel für eine Oper, den ich kenne. Sie stammt von Sebastian Schwab, der auch die Elser-Oper geschrieben hat. Ein sehr begabter junger Komponist und Dirigent, ein Student in meiner Münchner Klasse.

Gibt es im Programm drei weitere Veranstaltungen, die Sie uns besonders ans Herz legen würden?

Gemeine Frage (lacht)! Wir müssen ja immer entscheiden, was wir machen wollen. Also ich würde keines der Konzerte missen wollen. Deshalb der Rat: Kaufen Sie eine Festival-Card, dann kriegen Sie Ermäßigung, wenn Sie drei oder mehr Veranstaltungen besuchen. Aber: klar muss man „Tannhäuser“ gesehen haben und in „I due Foscari“, der nächsten Oper unserer Verdi-Reihe, muss man auch gewesen sein. Und im Galakonzert! Das werden wir mit der Cappella Aquileia auch in Schwäbisch Gmünd beim Kirchenmusikfestival spielen. Darüber freue ich mich sehr. Im Programm Beethovens Siebte Sinfonie und Brahms' Violinkonzert mit Eldbjørg Hemsing, einer norwegischen Geigerin - eine sehr schöne Klammer für das Jubiläumsjahr der Cappella.

Denken Sie selbst schon an die Opernfestspiele 2023?

Ich schaue auch schon auf 2024 und 2025, das gehört zu meinen Aufgaben. Im November werden wir den Tannhäuser auch in Italien spielen, jedes Jahr gehen wir ja einen Schritt weiter. Wir haben es in den vergangenen Jahren geschafft, uns immer weiter zu entwickeln. Meine Aufgabe ist es nicht, den Ist-Zustand zu verwalten, sondern Ideen zu entwickeln. Und die gibt es - nach innen wie nach außen. Schon in diesem Sommer werden wir im Rittersaal eine neue Bestuhlung mit Rückenlehnen haben. Es passen trotzdem genauso viele Zuschauerinnen und Zuschauer hinein. Zudem gibt es nun auch richtige Rollstuhlplätze.

Hand aufs Herz - kommen Sie selbst noch in Konzerte?

Tatsächlich habe ich  auf Mallorca im Dezember ein Konzert live gehört. Die Sechste von Bruckner. Sehr berührend!

  • Die wichtigsten Daten zu den Opernfestspielen
  • Samstag, 4. Juni, 20 Uhr, Eröffnungskonzert – Frizzante! Je nach Wetterlage Schloss oder Festspielhaus CCH.

Mittwoch, 22. Juni, 18 Uhr, Premiere „Wurst“ im Opernzelt Brenzpark. 

Freitag, 1. Juli, 19 Uhr, Premiere Tannhäuser, Schloss oder CCH.

Donnerstag, 21. Juli, 20 Uhr, Premiere „Il due Foscari“, Festspielhaus CCH. 

Onlinebuchung über www.opernfestspiele.de und www.eventim.de (abweichende Kartenpreise).

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