Musik, die Musikern Hoffnung macht

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Noch ist sie nicht vorbei, die Pandemie. Auch wenn die Inzidenzzahlen sinken und Kultur voraussichtlich wieder möglich wird seit mehr als einem Jahr haben Musikerinnen und Musiker fast keine Auftritte. Bands und Orchester ruhen noch, stattdessen läuft viel im Internet. Wie bleibt man da am Ball in den eigenen vier Wänden, welche Lieder geben diesen Musikern Zuversicht und warum ist es genau dieses Lied, dieser Song, dieses Werk?

Corona-Songs

Die Ostalbkultur hat nachgefragt. Die Gelegenheit, in die eigenen Versionen der „Corona-Songs“ der Künstler reinzuhören, gibt's hier:

Siggi Schwarz, Gitarrist aus Heidenheim

Siggi Schwarz


Der Song, der mich seit 1970 und natürlich auch jetzt in der Krise ständig begleitet, ist die Jimi Hendrix-Version von „All along the watchtower“ vom 1968-Album „Jimi Hendrix-Electric Ladyland“. Dieser Titel war und ist der eigentliche Zündfunke für mich als Gitarrist. Als Hendrix 1970 starb, war ich schon ein großer Fan. Das Hendrix Plakat, das schon 1969 über meinem Bett hing, habe ich auch noch. Von meinen Eltern bekam ich 1970 als Zwölfjähriger ein Hendrix-Starporträt-Album von Polydor mit zwei LPs zu Weihnachten geschenkt. Der Sound und das Feeling dieser Aufnahme ist für mich einmalig – immer wenn ich ihn höre, bekomme ich Gänsehaut. So ist er auch der positive Motivator in der anhaltenden Pandemie. Er läuft öfters zu Hause und im Auto und schenkt mir das euphorische Gefühl und die Begeisterung von damals. Mein Arrangement auf dem Video habe ich bewusst verändert, da ich die unantastbare Hendrix-Version zu sehr verehre.

Hanna Keller, Musikerin, Neresheim

Hanna Keller


Ich spiele leidenschaftlich gerne Klarinette, unter anderem auf der Ostalb in der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg und in meinem Heimatverein, der Stadtkapelle Neresheim. Für mich ist es in der Zeit ohne Proben und ohne Konzerte eine enorme Stütze, sich an die schönen Momente zu erinnern. Dazu gehört auf jeden Fall meine erste große Konzertreise mit der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg, die im Jahr 2015 nach Japan führte. Wir führten eines der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte auf, die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Der Schlusssatz der Sinfonie ist geprägt durch die Vertonung des Gedichts „An die Freude“ von Friedrich Schiller und ist heute als die offizielle Hymne der Europäischen Union bekannt. Solche Konzerte in ausverkauften Hallen, mit Orchester und Chor, mit über 200 Musikerinnen und Musikern auf der Bühne – momentan unvorstellbar. Meine Freundin Anna und ich spielen gemeinsam in der Jungen Philharmonie Erlangen und im Universitätsorchester der FAU in Erlangen. Um sich musikalisch fit und bei Laune zu halten, haben wir im ersten Lockdown begonnen, regelmäßig Klarinettenduette aller Art zu spielen. Wir möchten deshalb mit unserem Video einen kleinen Hoffnungsschimmer durch einen selbstarrangierten Ausschnitt des Finalsatzes „Ode an die Freude“ an alle Musikerinnen und Musiker sowie Leserinnen und Leser der Ostalbkultur senden.

Prof. Dr. Andreas Kittel, Dirigent Stadtkapelle Schwäbisch Gmünd

Andreas Kittel


Die Corona-Krise hat uns Kulturschaffende schwer getroffen, aber den Kopf in den Sand stecken, das gibt es bei der Stadtkapelle nicht. Wir spielen jetzt ganz neu ein Arrangement des alten Shanty-Songs „The Wellerman comes“. In dem Stück geht es darum, dass die Besatzung auf den Walfangstationen Neuseelands sehnsüchtig auf das Versorgungsschiff wartet. Genauso warten wir auf Zeiten, in denen wir wieder gemeinsam musizieren und das Gmünder Publikum erfreuen dürfen. Momentan proben wir das Stück online zur gewohnten Probenzeit. Das ist bei so einem Stück mit so vielen Nebenmelodien gar nicht so einfach. Das Spielen dieses Stücks gibt uns aber Hoffnung. Bei den Seemännern kam irgendwann das Versorgungsschiff, und so wird bei uns auch bald wieder gemeinsames Proben möglich sein. Damit momentan die sozialen Kontakte nicht zu kurz kommen, lockern wir jede Probe noch mit einem Online-Spiel, wie beispielsweise Montagsmaler, oder einem Online-Pub-Quiz auf. Dabei gibt es immer viel zu lachen, und das Vereinsleben kann ein Stück weit am Leben erhalten werden.

Ulrich Brauchle, Künstler und Musiker, Ellwangen

Ulrich Brauchle


Seit der Corona-Zeit im vergangenen Frühjahr übe ich täglich verschiedene Instrumente. Neben meinem Hauptinstrument, der Gitarre, habe ich mich nun verstärkt um die Mandoline und das Clawhammer-Banjo (Oldtime-Music) gekümmert. Die Folk-Musik ist und war stets mein musikalisches Fundament. Beim Dylan-Projekt mit Axel Nagel und Matthias Kehrle konnte ich da bereits vor Corona die Bildende Kunst mit der Musik verbinden. Durch einen Zufall ist mir beim Keller-Räumen die alte Geige meiner Großmutter in die Hände gefallen. Diese und mehrere Geigen-Begegnungen haben dazu geführt, dass ich mich nun seit einem Jahr intensiv mit diesem Instrument beschäftige und fleißig übe. Gerade die Schönheit, der besondere Klang und der stehende Ton direkt am Ohr haben eine wunderbare Faszination. Natürlich habe ich aber auch die Gitarre nicht aus den Augen und Ohren verloren. Da ich früher gerne Renaissance- und Barocklaute nach alten Tabulaturen gespielt habe, konnte ich nun daran anknüpfen und mich erneut dem englischen Komponisten John Dowland zuwenden. Dessen Lautenmusik um 1600 ist für mich ein absoluter musikalischer Höhepunkt. Und so spiele ich gerne dessen Lautenlieder und Solostücke, wie die „Lachrimae Pavan“. Die große Traurigkeit in diesem Stück ist so kunstvoll komponiert, dass sie ganz tief schwingt und damit gleichzeitig eine wohltuende Befreiung bewirkt. Gut in unserer Zeit.

Daniela Wahler, Saxophonistin und Musiklehrerin an der Musikschule Aalen

Daniel Wahler


Für mich persönlich hält die Corona-Situation unter anderem zwei Dinge bereit: Einerseits ein ständiges emotionales Auf und Ab durch die stetige Abfolge von Hoffnungen, Planungen, Tatendrang, dann leider Absage und daher Enttäuschung, gefolgt von wieder Aufrappeln, neue Ideen fassen und ausarbeiten, Planung, Tatendrang usw.

Andererseits war dadurch die Lösung oft im Digitalen zu finden. Ich habe mich noch nie so sehr mit eigenen Aufnahmen und Musizieren mit und durch Aufnahmen beschäftigt, wie im vergangenen Jahr. Musik machen bedeutet für mich ‚Musik mit anderen machen‘, was in der Corona-Situation zumindest ‚Musizieren mit Aufnahmen‘ bedeuten kann. Dem Komponisten und Saxophonisten Philippe Geiss aus Strasbourg geht es vermutlich ähnlich, so dass wir in der Corona-Pandemie einige Playalongs und Mitspielaufnahmen erstellt haben, um somit unseren Saxophonklassen Spielfreude über Spielen mit Aufnahmen zu ermöglichen. Unter anderem mit „Foxy music“ und dem Playalong von Philippe Geiss konnte ich mir so manchen Frust mit viel Power von der Seele spielen und wieder Energie für die nächsten Ideen tanken.

Lia Reyna, Sängerin und Songwriterin aus Oberkochen

Lia Reyna


Ich finde, mein Song „Leinen los“ passt sehr gut in die Corona-Zeit, denn egal, ob uns die Pandemie einschränkt oder nicht, kleine Inseln können wir uns immer schaffen, bewusster leben und den Alltag mal links liegenlassen. So heißt es im Song „Wie Konfetti so bunt machen WIR uns den Tag“ und nicht die Umstände. Und so genügt es auch, mit Lieblingsmensch und Picknick-Decke in ein Mikro-Abenteuer zu starten. Die Leinen loszulassen für „'ne kleine Auszeit, egal wo, egal wie weit weg“ und wenn es nur um die Ecke ist. Der Song ist von meinem eigenen Album „So ehrlich“, das direkt zu Anfang der Krise noch veröffentlicht wurde und so leider immer noch keine Bühnen zu sehen bekommen hat. Selbstverständlich will auch ich so bald wie möglich wieder auftreten; ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird. Ich spüre schon förmlich das Feuerwerk an Emotionen zwischen Musikern und Publikum, das dann endlich wieder erlebbar wird.

Rubriklistenbild: © Grafische Gestaltung: Carmen Apprich

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