Pacheco, Sosa und Nussa: So spielt man in Kuba Klavier

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Gerne auf dem Jazzfest Aalen. Marialy Pacheco. Foto: dot
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In der Stadthalle Aalen zeigen zwei Sets dem Publikum, wie man in einen Flow kommt. Warum der ganz unterschiedlich ausfiel.

Aalen

Warum ausgerechnet in diesem lateinamerikanischen Land so viel Pianojazz-Talent zu finden ist - die Antwort auf diese Frage, die wird am Donnerstagabend in der Stadthalle Aalen nicht geklärt. Ist aber am Ende des Tages auch nicht wichtig. Denn da zählt allein die Tatsache, dass Omar Sosa, Marialy Pacheco und Harold Lopez Nussa  - alle drei aus Kuba - die 220 Jazzfans im Saal mit einer enormen stilistischen Bandbreite verzücken.

Gesamtperformance bis in die Schuhspitzen

Zwei Flügel auf der Bühne - beeindruckender Glanz, noch bevor zum Auftakt des Abends Pacheco und Sosa die Bühne betreten. Unterschiedlicher könnten zwei Musiker wohl nicht aussehen. Die Pianistin trägt ihr kleines Bonbonfarbenes und schwindelerregend hohe schwarze Schuhe, Omar Sosa weiß, Strickkäppi, Ketten aus Muscheln und Holz und rote Espandrillos. Allerdings nicht die mit der weichen Sohle, wie sich bald darauf zeigen wird.

Wortlos nehmen die beiden hinter ihren Flügeln Platz - und lassen zunächst die Elektronik sprechen. Vom Band kommt afrikanisch klingendes Stimmengewirr - Verortung von Wurzeln, die sich ausbreiten in einem musikalischen Kosmos, der sich dann jeder festen Verortung verschließt. Die ersten feinen Tastenberührungen der beiden Künstler lassen die Stimme verstummen, während sie selbst in einen zauberhaft ruhigen Klangdialog treten. „Manos“ heißt das Album, auf dessen Cover sich Marialy Pacheco und Omar Sosa die Hände reichen und das sie mit aufs Jazzfest gebracht haben - und dort zeigen, dass dieses Händereichen musikalisch weit mehr umfasst. Mal klingt das Spiel von Pacheco wie ein feines Echo von Sosas Melodien, dann wieder werden feine Rinnsale zu gemeinsamen Klangbächen, in deren Flow sich die Töne leidenschaftlich austoben können. Mal kloppt Sosa dazu einen Rhythmus mit den festen Sohlen seiner Schuhe oder mit dem Keepdrum auf seinen Unterschenkeln, dann wieder  plätschert es vom Band, ohne dass das irgendwie künstlich wirkt. Irgendwann hält es Sosa nicht mehr auf dem Klavierschemel und er hinterlässt ein paar elegante Hüftschwünge am Bühnenrand. Ein Gesamtperformance der Extraklasse und zwei Künstler, die das Publikum nur unter dem Protest der Standing ovations und einer Zugabe gehen lassen.

Das Publikum versucht den Cha cha cha

Die Nachfolgenden könnten es da schwer haben. Doch der Stil von Pianist Harold Lopez Nussa, der mit seinem jüngeren Bruder Ruy Adrián am Schlagzeug und Bassisten Felipe Cabrera gekommen ist, könnte nicht unterschiedlicher sein als der von Sosa und Pacheco.

Furios und temporeich beackert Kubaner Nussa (Turnschuhe) den Steinway, fast schon ungezügelt Ruy Lopez Nussa sein mit allerhand Percussion aufgetuntes Drumset. Und schon ist man beim Zuhören statt im Flow im Tanzrausch. Ohne, dass man dieses Tempo auf zwei Beinen je nur annähernd erreichen könnte. Bereits nach dem zweiten Song muss der Pianist die Ärmel hochkrempeln - der Pulsschlag aus Jazz, Klassik und afrokubanischen Rhythmen heißt nicht nur den Saal auf.

Fast den Atem raubt einem das minutenlange Solo Ruy Adriáns an der Cajon - und die Tatsache, dass so viel Talent in einer Familie zu finden ist.

Zu der gehört auch irgendwie „Bruder“ Felipe Cabrera, wobei er am Bass eher den Part des stillen Wassers hat. Aber auch hier : jeder Ton, jeder Rhythmus trifft und sitzt.

Was man bei der rhythmischen Einlage des Publikums nicht behaupten kann. Als Harold Lopez Nussa den „Cha cha cha“ - Klatschtakt fürs Publikum vorgibt, kommt so mancher hier und da dann doch aus dem Takt. Großen Spaß macht es allemal. So wie der ganze Abend. Der Applaus fällt dann auch wieder ziemlich harmonisch aus. Lautstark und einhellig. 

Jazzfest-Samstag: es gibt noch Karten

Noch einmal dabei sein, einmal dabei sein. Für den Samstagabend des Jazzfestes in der Stadthalle Aalen gibt es noch Karten an der Abendkasse. Ab 19 Uhr spielt im großen Saal das Frank Chastenier Trio, ab 21 Uhr steht dann als Topact die US-Sängerin Melody Gardot auf der Bühne. (Karten Kat. 85 Euro, erm. 35 Euro in beiden Kategorien). Im Room 55 geht es dann ab 23 Uhr weiter mit Zuco 103 und um 0.30 mit Ben L'Oncle Soul (AK 55 Euro, erm. 30). 

Nuss Lopez Trio Foto: HAG

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