Wespels Wort-Wechsel Manfred Wespel über Parasiten, Parallelen und Angst vor Nebenwirkungen

Paragraph und Paradies

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manfred wespel

Als der Beschreibstoff (Papyrus, Pergament) noch sehr teuer war, konnte man es sich vor allem bei Gebrauchstexten wie Gesetzen und Verträgen nicht leisten, zwischen den Wörtern eine Lücke oder gar zwischen den Zeilen eine Leerzeile zu lassen. Um aber einen Abschnitt zu kennzeichnen, schrieb man an den Rand ein Zeichen, etwa eine Hieroglyphe für Ende, einen Buchstaben, etwa C für caput (Kapitel, Abschnitt) oder SS für signum separandum (Zeichen der Trennung).

Solche Zeichen nannte man Paragraph, wörtlich: daneben geschrieben. Möglicherweise wurde aus diesem SS unser Zeichen § für Paragraph, eines der wenigen „Wörter“, die wir nicht alphabetisch schreiben, sondern als Bild- oder Begriffszeichen wie übrigens auch & für „und“, $ für „Dollar“ und & für „Prozent“ und die Ziffern, 1 für „eins“ usw.

„Paradox: Nicht geimpft wegen der Angst vor Nebenwirkungen und dann infiziert mit schweren Auswirkungen.“

Dieses griechische „para“ für „neben, daneben, bei, entlang, gegen, abweichend“ fndet sich auch in anderen Fremdwörtern wie Parasit (neben einem anderen essend), in Parallele (nebeneinander laufende Linien) und in Paradox (entgegen der herrschenden Meinung, widersinnig). Bei Paranuss, Paravent und Paradies steckt dieses „para“ aber nicht drin, denn die Paranuss heißt nach der Stadt Para (Brasilien), Paravent geht auf lateinisch parare (schützen) zurück, und Paradies hat seinen Ursprung in Persisch pairi daeza soviel wie eingezäunter Garten. Längst steht das Paragraphenzeichen nicht mehr neben, sondern über oder am Anfang eines Abschnitts und hat eine fortlaufende Nummer, ja, es steht für Gesetze und das Recht insgesamt.

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