Preiswürdig: Eine „Bagage“ und eine machtvolle „Kerze“

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Monika Helfer ist Schubart-Literaturpreisträgerin.
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Am kommenden Wochenende wird der Schubart-Literaturpreis vergeben. Die Preisträgerinnen und ihre ausgezeichneten Arbeiten im Überblick.

Aalen

Zwei Autorinnen, zwei ganz unterschiedliche Geschichten, die sie erzählen. Was Monika Helfer und Verena Günter aber eint, ist der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen, den sie am kommenden Samstag, 24. Juli, im Kulturbahnhof entgegennehmen können. Monika Helfer wird mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, Verena Günter mit dem Nachwuchspreis. Der Festakt am Samstag wird gefilmt und ab 18 Uhr live auf dem Youtube-Kanal der Stadt Aalen übertragen.

Monika Helfer: Die Preisträgerin und ihr Roman „Die Bagage“

Die Österreicherin Monika Helfer wurde 1947 im Bregenzerwald geboren. Sie lebt heute in Hohenems im Vorarlberg, hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht.

In „Die Bagage“ vertieft Monika Helfer sich selbst in die Geschichte ihrer Familie. Setzt in das Zentrum dieser die Figur Maria Moosbrugger - Monika Helfers Großmutter. Maria führt ein einfaches Leben in der Nähe eines Bergdorfes. Fünf Kinder hat das Paar, zusammen werden alle „Die Bagage“ genannt. Die Familie ist arm, doch reich an Schönheit. „...Ein schöner ist er, doppelt so schön, wie die anderen“, beschreibt die Autorin Josef. „Maria hieß meine schöne Großmutter.“ Maria gefällt dem Postboten und dem Bürgermeister, unter dessen Schutz sie Josef stellt, als er 1914 eingezogen wird. Irgendwann taucht auch ein Fremder auf, dem Maria gefällt und der auch Maria gefällt. Georg aus Hannover, auch ein Schöner. Ob Margarethe, Grete, „eine Scheue“, Monika Helfers Mutter, von ihm ist? Josef denkt es und lässt es das Kind spüren, auch wenn er selbst auf Fronturlaub zuhause war.

Es sind die Erzählungen, aber auch das spätere Leben ihrer Tanten und Onkel, vor allem die von Lorenz, die die Autorin in ihrem Roman zu einer Familiengeschichte zusammenbaut, die mehrere Generationen miteinander verknüpft. Erzählungen über Angehörige, wie man sie auch selbst von Familienfesten wie Hochzeiten oder Beerdigungen kennt. Aus denen man sich selbst seine eigene Familiengeschichte zusammensetzt - die der eigenen „Bagage“, des eigenen „Gepäcks“, wie das Wort aus dem Französischen übersetzt heißt. Einem Gepäck, in dem man Fiktion und Wahrheit gleichsam mitschleppt.

Sucht man den „unerschrockenen“ schubartschen Geist in diesem dichten, knapp 160 Seiten umfassenden Roman, der sich leicht liest, aber schwer aus der Hand zu legen ist, so findet man ihn wohl am besten in der „Bagage“ selbst, die sich trotz vieler Abhängigkeiten ihre innere Unabhängigkeit bewahrt.

„Die Bagage“ ist im Hanser Verlag erschienen und Spiegel-Bestseller.

Verena Güntner: Die Trägerin des Förderpreises der Sparkasse und ihr Roman „Power“.

1978 in Ulm geboren, lebt die Schriftstellerin und Schauspielerin heute in Berlin.

In „Power“ ist der gleichnamige Hund verschwunden und die elfjährige Kerze verspricht, das Tier der alleinstehenden Dorfbewohnerin Hitschke wieder zu finden. Denn die selbstbewusste, unkonventionelle Kerze behauptet von sich selbst, jeden Auftrag zu erledigen. Immer wieder zieht sie auf der Suche nach Power in den Wald, immer mehr Kinder folgen ihr. Kerze fordert von den Kindern, sich wie ein Rudel Hunde zu verhalten. Diese fangen an zu bellen, zu kriechen, sich zu beschnuppern. Sich Kerzes eigenen Gesetzen zu unterwerfen. Die Idee, den Hund zu finden, wird zunehmend zweckentfremdet.

Man muss diese Geschichte aushalten können. Eine Art Parabel, in der ein Kind genauso kompromisslos und mitunter grausam führt wie ein Erwachsener. In der es um Menschenfänger, um Macht geht, die sich einfach angeeignet wird. In der Anderssein in keinem Fall toleriert wird - und dazu führt, dass die, die anders sind, das verstecken oder zum Sündenbock gemacht werden. Oder verschwinden.

Kraftvoll, skurril und verstörend mitunter die Bilder, die die Autorin Verena Güntner für diese vielen Möglichkeiten der Deutung vor den Augen der Leserschaft ausbreitet. Und Kerze, Hitschke, der Hubersohn und auch der verschwundene Karl sind Figuren, die man nach dem Lesen des Romans nur schwer wieder aus dem Kopf bekommt.

„Power“ ist im DuMont Verlag erschienen und war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert.

Wo man die Autorinnen erleben kann und was der Schubart-Preis bedeutet

Literaturfans haben Gelegenheit, die Preisträgerinnen des Schubart-Literaturpreises am Sonntag, 25. Juli, in einer Matinee live zu erleben. Monika Helfer und Verena Güntner lesen ab 11 Uhr im KUBAA aus ihren preisgekrönten Werken. Im Anschluss gibt es Gelegenheit, sich Bücher der Autorinnen signieren zu lassen.

Karten für die Matinee sind in der Tourist-Information Aalen oder unter www.reservix.de erhältlich. Für die Veranstaltung gelten die 3G-Regeln und in den Räumlichkeiten des KUBAA besteht Maskenpflicht.

Gestiftet wurde der Schubart-Literaturpreis 1955 von der Stadt Aalen für einen Mann, „der sich in der Geschichte des deutschen Geistes einen Ehrenplatz erwarb durch sein unerschrockenes Eintreten für die Freiheit des Bürgers und durch die Tragik einer zehnjährigen Festungshaft, mit der er für seinen Mut zu büßen hatte“, so die Stadt Aalen auf ihrer Homepage.

Erstmals vergeben wurde die Auszeichnung 1956 an Hugo Theurer und Eduard Thorn. Aktuell ist der Hauptpreis dotiert mit 20 000 Euro, der von der Kreissparkasse Ostalb geförderte Nachwuchspreis mit 7500 Euro. Beide Preise werden von der Stadt im zweijährigen Turnus vergeben.Zuletzt wurden 2019 damit Daniel Kehlmann für seinen Roman „Tyll“ und Nora Krug für „Heimat - ein deutsches Familienalbum ausgezeichnet.

Der Jury gehören die Literaturkritikerin und Publizistin Verena Auffermann, die Kulturjournalistin des rbb, Anne-Dore Krohn, der Literaturkritiker und Übersetzer Denis Scheck, Köln, Dr. Stefan Kister, Kulturredakteur der Stuttgarter Zeitung, der Stuttgarter Kulturwissenschaftler Dr. Michael Kienzle und aus Aalen Oberstudiendirektor Michael Weiler an. Anne-Dore Krohn wird die Laudatio auf Monika Helfer halten, Verena Auffermann wird beim Festakt die Förderpreisträgerin Verena Güntner würdigen.

Weitere Informationen: www.aalen.de/Schubart-Literaturpreis.

Verena Güntner hat den Förderpreis gewonnen.
"Die Bagage" von Monika Helfer, erschienen im Hanser Verlag.
Verena Güntner, Power. Schubartpreis Nachwuchs

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