Premiere im KubAA mit Mildtätigkeit, Moral und Gewalt

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Heiko Braubach (Bernd Tauber, l.), langjähriger Politiker, hat Nele Siebolds (Anne Klöcker) Sohn überfahren. Die hat ihren Neffen Jerôme (Manuel Flach, r.) zu dem Gespräch mit Braubach gebeten. Die Situation eskaliert.
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Das Drei-Personen-Kammerspiel „Furor“ hatte im Theater im Aalener Kulturbahnhof Premiere. Wie das Stück inszeniert ist und wie das kleine Ensemble spielt.

Aalen

Ein Ideen-Drama, ein Debatten-Stück haben Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das Autorenteam von „Frau Müller muss weg“, geschrieben. Tonio Kleinknecht (Regie) und Tina Brüggemann (Dramaturgie) haben es auf die Aalener Bühne gebracht. Das 55-minütige Kammerspiel hatte am Samstag im Theater der Stadt im Kulturbahnhof Premiere mit der schauspielerischen Topbesetzung Anne Klöcker, Bernd Tauber und Manuel Flach.

Zwischen zwei Tribünen drei wuchtige Tische in Reihe, an der Stirnseite steht Anne Klöcker, nervös, bedrückt, dezente, aber starke Körpersprache, während das Publikum auf die Tribünen kommt. Mit starkem Schritt tritt Bernd Tauber auf. Er ist Heiko Braubach, langjähriger Politiker und Wahlkämpfer zum Oberbürgermeisteramt. Der hat Nele Siebolds (Anne Klöcker) Sohn überfahren, ist juristisch nicht schuldig an dem Unfall. Der Junge hat ein Bein verloren und einen komplizierten Schulterbruch.

Braubach besucht zwei Wochen nach dem Unfall die Mutter und bietet ihr als mildtätige Unterstützung an, was Staat und Krankenkassen in solchen Fällen zur Verfügung haben: Reha, Kostenübernahmen, Arbeitsintegration, und sein persönliches Engagement.

Der gewiefte Politiker manipuliert Nele Siebold aus der wütenden Trauer, aus der Verzweiflung heraus, überwindet ihre Skepsis ihm gegenüber. Anne Klöcker zeigt die Entwicklung ihrer Figur mit berührender Intensität auch im Spiel ohne Text, wenn sie den professionellen, taktischen Äußerungen Braubachs zuhört. Bernd Tauber inszeniert den Politiker als um glaubhafte Betroffenheit und moralischen Anstand bemühten älteren Mann, ebenfalls mit viel seriöser, wirksamer Körpersprache, raschen Gängen, variantem sprachlichen Ausdruck.

Mutter Siebold hat ihren Neffen Jérôme zu dem Gespräch mit Braubach gebeten. Der kommt mit Verspätung und greift den Politiker sogleich mit einer massiven Geldforderung als Schadensersatz für die Familie an. Nele verlässt genervt die beiden, die ihre Diskussion bis in die sprachliche und körperliche Gewaltausübung fortsetzen. Jérôme wirft Braubach vor, Repräsentant eines menschenverachtenden Systems und mit der „Lügenpresse“ unter einem Deckel zu sein, die mildtätigen Hilfsangebote für Mutter und Sohn Siebold im eigenen Wahlkampf auszunutzen, und droht, den Politiker in der Öffentlichkeit mit „neuen“ Fakten bloßzustellen. Manuel Flach gibt den kampfbereiten Paketboten Jérôme als hochmütigen, aggressiven jungen Mann, als breitbeinigen Systemgegner, polemisch, laut, unsympathisch und plötzlich ganz kleinlaut, als er wegen seines Verhaltens in den Senkel gestellt wird. Eine fast komödiantische Glanzleistung.

Arroganz und Erpressung

Braubach spricht Jérôme die Kompetenz in jeder Hinsicht ab, wirft ihm Arroganz und Erpressung vor, leugnet alle Vorwürfe Jérômes. Die Debatte eskaliert, die beiden Männer stehen sich auf den Tischen gegenüber, Jérôme hat ein Messer gezückt, Nele kommt zurück. Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten.

Das Stück ist bei aller demokratietheoretischen Debatte auf einem starken Spannungsbogen inszeniert und das ist sehr gut gelungen. Das kleine Ensemble spielt souverän und auf bestem Niveau in jeder Hinsicht. Die Dramaturgie ist übersichtlich und klar, das Bühnenbild geschickt. Ein starker, kurzer Theaterabend.

Heiko Braubach (Bernd Tauber, l.), langjähriger Politiker, hat Nele Siebolds (Anne Klöcker) Sohn überfahren. Die hat ihren Neffen Jerôme (Manuel Flach, hinten, r.) zu dem Gespräch mit Braubach gebeten. Die Situation eskaliert.

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