Sittler versöhnt auf der Haller Treppe

  • Weitere
    schließen
+
Tabea Scholz als Sittah, Gunter Heun als Saladin und Walter Sittler als Nathan (v.l.) auf der Treppe vor St. Michael.
  • schließen

Zum Auftakt der 96. Spielzeit zeigt Intendant Christian Doll „Nathan der Weise“ vor rund 750 Theatergästen. Wie der Klassiker von Lessing inszeniert ist.

Schwäbisch Hall

Der Konflikt schwelt – nicht nur auf der Großen Treppe der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Hier, vor St. Michael, steht am Samstagabend Lessings Nathan, vermittelt und lebt Vernunft und Toleranz, wenn es um die Koexistenz der großen Weltreligionen geht. Muslime, Christen, Juden, der Kampf um den einzig wahren Glauben, in der Realität dauert er an, bleibt Mittel auch der Durchsetzung politischer Machtansprüche. Seit Jahrhunderten.

Ein wenig anders allerdings ist in diesem Jahr nach 2020 erneut aber die Premiere der Freilichtspiele. 750 Gäste zum offiziellen Auftakt der 96. Spielzeit statt wie in Zeiten ohne Pandemie mögliche 1600. Abstand. Hygieneregeln. Keine Premierenfeier im Rathaus, wie Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim in seiner Begrüßung bedauert. Für Pelgrim ist es die letzte Spielzeit seiner Amtszeit. Er tritt nicht mehr zur Wiederwahl an.

Was aber Bestand hat, ist, dass zum Auftakt der Treppe ein Klassiker gezeigt wird. Diesmal hat Intendant Christian Doll Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ gewählt. Vielgespieltes Aufklärungsstück aus dem 18. Jahrhundert. Zeitlos in seiner Forderung nach Toleranz, Humanismus, Frieden.

Zeitlos auch die Ausstattung, die einmal mehr die Kirche und die Treppe mit zum Hauptakteur werden lässt. Auf den Stufen lediglich in der Mitte durcheinandergewirbeltes, zerschlissenes weißes Mobiliar, der Ruß des vergangenen Brandes noch deutlich sichtbar. In diese Szenerie der Zerstörung tritt nach dem Ruf des Muezzins der Jude Nathan, mit Bedacht und Ruhe agierend in dessen Rolle Walter Sittler.

Sittler ist bekannt aus dem Fernsehen, in Hall hat er sein Treppendebüt und findet sich sanft ein auf dieser ungewöhnlichen Bühne. Nathan erfährt von Daja (Christine Dorner), überzeugter Christin und Vertrauter der Familie, dass seine Tochter Recha (Marlene Reiter) beinahe bei dem Brand seines Hauses gestorben wäre, hätte sie nicht ein christlicher Tempelherr (Hauke Petersen) daraus gerettet. Der wiederum wurde von Sultan Saladin (Gunter Heun), dem Herrscher Jerusalems begnadigt, weil er dessen verschollenem Bruder ähnlich sieht.

Saladin, der grausam, aber auch nachsichtig sein kann, braucht Geld, um seinen Krieg zu bezahlen, seine Schwester Sittah (Tabea Scholz) rät ihm, es sich mit einer List vom reichen Nathan zu holen. Der antwortet geschickt auf die Frage nach der einzig wahren Religion mit der Ringparabel – und wird damit zum Freund des Sultans. Erst danach bekommt dieser von Nathan, der Geld lieber verschenkt als verleiht, paketweise von Nathan die Scheine angeliefert. Amazon lässt grüßen.

Inszenierung ohne Aufgeregtheit

Meist Grau in Grau hat Ausstatterin Cornelia Brey die Kostüme für die handelnden Figuren geschaffen. Nicht schwarz, nicht weiß, außer Nathan. Fast wie Uniformen aus einer nicht näher bestimmten Zeit wirken sie, Schattierungen des Menschseins, Hinweis auf die Gleichheit aller, egal welcher Religion sie nun angehören. Allein der Klosterbruder und der antisemitische Patriarch (Martin Maecker, auch in der Rolle des Derwisches), der Nathan, weil dieser Recha verschwiegen hat, dass sie nur seine Ziehtochter und Christin ist, auf dem Scheiterhaufen sehen will, tragen Braun. Einen deutlichen Seitenhieb in Richtung Kirche bezüglich des Umgangs mit Kindesmissbrauch gibt's obendrauf. Unablässig wabert Rauch über die Treppe – nicht gelöscht das Feuer der Konflikte. Gegen Ende wird Rechas Bett wieder brennen. Noch bevor Nathan die Versöhnung gelingt, in dem er offenbart, dass Recha und der Tempelherr, der in Liebe zu dieser entbrannt war, Geschwister und gleichzeitig Neffe und Nichte des Sultans sind. Der Mensch zählt, nicht das, an was er glaubt.

Christian Doll hat Lessings Klassiker ohne Aufregung inszeniert. Eindrückliche Bilder bleiben trotzdem. Die übergroßen Augen Nathans, die an den Seiten der Kirche aufgedeckt werden, nimmt mancher vielleicht mit in den Schlaf. Hier und da wird das Kofferradio eingeschaltet. Musik, die zwischen Orient und Okzident verbindet, gibt den Zuschauerinnen und Zuschauern Luft zum Atmen.

Corona ist kein Thema in der Inszenierung. Gut so. Die Pandemie wird vermutlich verschwinden. Der Konflikt zwischen den Religionen wird weiter schwelen.

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

WEITERE ARTIKEL