Tortured Soul, Kraak & Smaak und die Meute on Top beim Jazzfest

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Topact der dritten Jazzfest-Nacht: Die Meute
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Dritte Nacht des Aalener Jazzfestes mit einer Eskalation von Sounds, Stilen und Performance.

Aalen. Jazzfest, dritte Nacht, drei Konzerte, heißer und lauter von Gig zu Gig und immer weiter weg vom klassischen Jazz: Tortured Soul, Kraak & Smaak, Meute. Das Publikum in der coronavollen Stadthalle tobte und tanzte und war hin und weg. Der Jazzpurist im gesetzten Alter mag sich vielleicht im falschen Film gewähnt haben.

Tortured Soul

Tortures Soul um den Schlagzeuger/Sänger John-Christian Urich setzt kurz nach 19 Uhr zur 75minütigen Performance an: Gitarre, Bass, ein bestens besetztes Keyboard und Urich in der leitenden Mitte. Der Chef sang über Liebes- und Beziehungskisten, die Texte schwer verständlich, die Musik klar, solide ausgesteuert, also noch in den Differenzierungen hörbar. Starke Soli des Keyboards im souveränen Mix der Tonalitäten. Urich mit Ganzkörpereinsatz am Schlagzeug. Die langgezogenen Crescendi wie Eskalationen, wuchtig, die vier auf der Bühne spielen, als ginge es um alles, angetrieben immer weiter vom Schlagzeug, das zum Hauptinstrument und aus der Basic-Rolle emanzipiert wird.

Zehn, zwölf, 16 Minuten dauern die Stücke mit ihren unterschiedlichen Farben, den Rhythmen aus der Welt des House, von Soul und Dancefloor und eingebettetem Techno, alles gespielt mit großer Virtuosität bei jedem der vier Künstler und in perfekter Abstimmung. Im Saal wird schon am Rande getanzt und im Stehplatzbereich hinter dem riesigen Mischpult. Im Parkett wird nicht nur mit den Fußsitzen gewippt, der Stuhltanz feiert Jazzfest.

Kraak & Smaak

Die Pause wird gefüllt mit gut einer halben Stunde DJ-Mugge, der Saal leert sich nur vorübergehend. Im zweiten Akt der Samstagstrilogie Kraak & Smaak, eine Band aus Leiden in Holland, international unterwegs mit eigener Musik und Remixen, fünf Instrumentalisten, einer davon am DJ- und Mischpult auf der Bühne.

Mit Berenice van Leer steht die einzige Musikerin des Abends auf der Bühne; sie wird zum Star des Abends mit ihrer großen Stimme zwischen Soul und Rock. Berenice singt Lieder wie Balladen, meist solo, gelegentlich im Duett mit dem Sax-Mann. Sie ist an der Rampe, heizt dem Publikum ein, bringt den Saal zum Stehen und Klatschen und Tanzen und Grooven. Das Schlagzeug hämmert durchweg mit Metal-Wucht die unerbittliche Basis, der Sound dröhnt weit hinaus über das Techno-Niveau, in Wacken klingt’s kaum anders. Die Verstärker bringen volle Leistung, allerlei Toneffekte intensivieren den mächtigen Sound. Der lange Song „Sweet Times“ klingt nur im allerersten Teil nach seiner Heimat im Deephouse, danach geht die Post wieder ab, harter Metal, Energie ohne Grenzen bis in ein sehr knalliges Finale.

Das Publikum gerät außer Rand und Band. Man springt zugleich im Takt, das Parkett schwingt, Berenice van Leer und die Grüne der Band, Oscar de Jung, Mark Kneppers, Wim Plug rocken den Saal.

Die Meute

Großes Finale: Die Meute, eine Band der ganz besonderen Art. Sie wird mit jubelndem Applaus, gepfiffen wir geklatscht begrüßt – nach einem erstaunlichen Intermezzo: bei geschlossenem Vorhang wird der Eingangschor der Matthäus-Passion von J.S.Bach abgespielt, in brutaler Lautstärke dröhnend und klirrend, ohne Ankündigung oder Bezug zum Konzert, das ganze Stück (ohne Wiederholungen).

Dann geht der Vorhang auf und die Meute legt los. Die Szene lässt an Guggenmusik denken: mobile Schlagzeuge, Marimba ebenfalls als Bauchladen, Trompeten, Posaunen, Tuba und die dominante, zum Kanonenschlag verstärkte Pauke, dargebracht von elf Musikern in roten Uniformjacken.

Die Musik klingt ungeregelt. Auf einen Techno-Rhythmus und harte Dissnonanzen werden kleine und kleinste Tonfolgen gebröselt in penetranter Wiederholung, die Dreitöner werden zum Mantra im dissonanten Gedröhne der Blechbläser. Ein maximal entspannte Marimba-Spieler tupft lustige Töne in den Rausch. In dieser Klangkulisse wird dann ein kurzes Saxophon-Solo wie ein Topact bejubelt. Die Stücke wirken wie verabredet, nicht komponiert. Es wird lauter und lauter, die Schmerzgrenze ist überwunden, die Performance diesseits der Körperverletzung – Guggenmusik ohne spontan und doppelt laut.

Der Saal steht, tanzt, rockt, groovt. Mit Jazz hat das nichts mehr zu tun, aber mit Gemeinschaft, Intensität und hier und da auch mit Ekstase. Von Stück zu Stück wirkt die Musik arrangierter, manche Dissonanzen-Kaskaden wirken feinsinnig komponiert. Ein Saxophonist legt das Instrument beiseite und singt. Die Tonräume werden weiter, die Gestaltung reicher und bunter, die Zitate aus anderen Stilen und Zeiten werden deutlicher, FreeJazz, Techno und mit Ironie auch ein Augenzwinkern zur Bigband.

Nach einigen Zugaben und nach Mitternacht geht der Topact zuende, die Meute zieht fröhlich winkend weiter.

Zweiter Act der dritten Nacht des Aalener Jazzfestes 2021
Erster Gig der dritten Nacht des Aalener Jazzfestes 2021

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