Über die Opfer des Billigfleisches

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Wolfgang Schorlaus „Am zwölften Tag“mit dem Theater Lindenhof in Schwäbisch Gmünd: aufrüttelndes Erzähltheater.
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Wolfgang Schorlaus „Am zwölften Tag“ präsentiert das Theater Lindenhof als packendes und aufrüttelndes Erzähltheater.

Schwäbisch Gmünd

Während der ersten Corona-Welle kam es erneut und massiv ans Licht: Wie schlimm die Arbeitsbedingungen in großen Schlachtereien sind. Mafiös agierende Subunternehmer beschäftigen Arbeitsmigranten aus Osteuropa, die in Deutschland beengt in elenden Quartieren hausen und im schlecht bezahlten Akkord schlachten und zerlegen. Billiglohnhölle Fleischindustrie. Schon vor der Corona-Pandemie hat sich das Theater Lindenhof des Themas angenommen und wurde zunächst ausgebremst. Eine von Georg Kistner gestraffte Bühnenadaption von Wolfgang Schorlaus Krimi „Am zwölften Tag“ brachten die Melchinger nun auf die Bühne und kamen mit dem adaptierten Stück am Mittwochabend nach Gmünd.

Unappetitliche Kost

Das grauenhafte Thema ist schwere und unappetitliche Kost. Und das in mehrerlei Hinsicht. Beleuchtet wird nicht nur die Situation der ausgebeuteten Arbeitsmigranten, sondern auch der Landwirte, die einem ungeheuren Preisdruck ausgesetzt sind. Das ungeschriebene Gesetz „wachsen oder weichen“ zieht Verschuldung und Abhängigkeit nach sich, und Massenproduktion. Bauer Zemke (Franz Xaver Ott) ist einer der vier Protagonisten, die das Publikum eineinviertel Stunden in Atem halten. Er beschreibt das ganze Elend des ländlichen Strukturwandels, von einer kleinteiligen beschaulichen Landwirtschaft mit zehn Ferkeln auf der Wiese hin zur knallharten Agrarproduktion mit drei mal Tausend Puten im Jahr, angestoßen vom Agrarinvestitionsförderungsprogramm - schließlich soll sich auch der kleine Mann Fleisch leisten können.

Den Fleischindustriellen Carsten Osterhannes (Gerd Plankenhorn) freut die „Demokratisierung des Fleischverbrauchs“, weil er fett daran verdient. Er wird per Video zugeschaltet und entpuppt sich als menschenverachtender Brutalo, der über Leichen geht. Als weiteres Opfer tritt die junge Tierschützerin Laura (Linda Schepps) auf, die mit weiteren Aktivisten auf Zemkes Putenbetrieb ein Enthüllungsvideo drehen will. Sie stellt sich als evangelische Pfarrerstochter vor; „da weiß man, was draus wird“, spielt sie auf Gudrun Ensslin an. Aus dem Abenteuer wird bitterer Ernst, als Osterhannes mit einer Rockerbande für Ordnung sorgen will, und sie plötzlich in der Falle sind.

Auch Cami (Kathrin Kestler), eine rumänische Arbeiterin, begibt sich in die Falle, als sie direkt bei Osterhannes ihren seit zwei Monaten ausstehenden Lohn einfordern will. Die Lage eskaliert, und es kommt zum Showdown.

Wie sich die Lage zuspitzt, wird aus vier verschiedenen Perspektiven und in rasantem Wechsel erzählt. Am zwölften Tag treffen die zunächst getrennten Erzählstränge schließlich mit Wucht aufeinander. Mit Bravour verkörpern die vier Schauspieler ihre Rollen. Besonders beeindruckt, wie Kathrin Kestler den osteuropäischen Slang imitiert. Camis trauriges Schicksal prägt sich an diesem Abend besonders ein. Doch auch der rundum abstoßende und obszöne Charakter von Osterhannes brennt sich ins Gedächtnis ein.

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