Über „eine typische Familie in 1960“

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Der Schauspieler und Autor Edgar Selge (links) las im Gmünder Stadtgarten aus seinem Buch „Hast du usn endlich gefunden“. Mit dabei: sein Bruder Martin. Foto: jps
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Der Schauspieler Edgar Selge stellt bei den Literaturtagen „wortReich“ im ausverkauften Schwäbisch Gmünder Stadtgarten sein Erstlingswerk vor. Und zwar im Dialog mit seinem Bruder Martin.

Schwäbisch Gmünd

Nach eineinhalb Stunden schaut Edgar Selge auf die Uhr: „Ich könnte jetzt noch das letzte Kapitel lesen und den Monolog der Mutter, aber es ist schon spät.“ Vielleicht nur noch den Monolog? Unmittelbar tönen Rufe aus dem Publikum: „Beides, beides!“ Edgar Selge lächelt, setzt sich seine Brille auf und beginnt, den ersten von beiden Texten vorzulesen.

Zwei Stunden lang erleben gut 350 Menschen im Gmünder Stadtgarten, wie der Schauspieler Edgar Selge und sein Bruder Martin über Selges Buch „Hast du uns endlich gefunden“ sprechen. Langer, lauter Applaus spiegelte am Ende wider, was häufiges Gelächter, gespannte Stille und anerkennendes Klatschen während der Lesung erahnen ließen: Die Brüder boten ihrem Publikum ein besonderes Erlebnis.

Dabei sei das in erster Linie ein besonderer Abend für ihn, hatte Edgar Selge betont. Gut 50 Mal habe er schon aus seinem Erstlingswerk vorgelesen. Seine beiden noch lebenden Brüder hätten jeweils einmal unter den Zuhörern gesessen. „Dass mein Bruder nun hier auf der Bühne ist, verändert meine Haltung zum Buch.“ Das 304 Seiten starke Werk des 1948 Geborenen dreht sich um den zwölfjährigen Edgar, der als einer von vier Söhnen eines musizierenden Gefängnisdirektors aufwächst. „Es geht um eine typische Familie um 1960 mit den besonderen Eigenarten Musikalität und Gefängnisdirektor“, sagte Selge, „und auch um den Nationalsozialismus“.

Selge liest von der Mutter vor, die jüdische Geiger „judelnde Rutscher“ nannte. Oder vom Vater: „Er will nicht als Nazi rüberkommen, aber sein ganzes Denk- und Sprachgebäude ist in dieser Zeit errichtet worden, und so schnell findet er kein anderes.“ Selges Bruder Martin, der als Literaturwissenschaftler auch an der Gmünder Pädagogischen Hochschule unterrichtete, nickte immer wieder beim Zuhören. Selge offenbarte, er könne verstehen, „dass nicht jeder zu einem bestimmten Datum den Schalter umlegen kann“. Mit seinem Buch wolle er diese Haltung nicht anklagen, nur festhalten.

Eine spannende Geschichte

„Das sind deine Erinnerungen“, analysierte Martin Selge, „dabei komponierst du Erfundenes mit der Genauigkeit der Fakten dank literarischer Mittel zu einer spannenden Geschichte“. Er habe beim Schreiben ein Bild vervollständigt, an das er in seiner Gesamtheit glaube, nickte Edgar Selge. Und beantwortete eine Frage von Julius Mihm. Warum der Schauspieler ein Buch geschrieben habe, hatte der Bürgermeister wissen wollen: „Ich wusste immer, dass ich diese Familie beschreiben muss.“

Dabei spart er nicht die Prügel des Vaters aus, den Tod eines Bruders, den Abschied von der sterbenden Mutter. Oder Edgars zwanghaften Drang, fantasievoll zu spielen.

Den richtigen Ton getroffen

Einander sichtlich zugetan sprachen die beiden Brüder über ihre Familie und über Brüderlichkeit. Martin Selge lobte die „stimmigen Sätze“ des Bruders und dessen Fähigkeit, den richtigen Ton zu treffen. Am Schluss ließen sich zahlreiche Besucher ein Exemplar von Edgar Selge signieren.

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