Ulrich Brauchles Zeichnungen: Wenn viel zusammengeht

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Der Ellwanger Künstler Ulrich Brauchle zeigt „Stiftgebiet“ in den Räumen der Knoedler-Stiftung im Schloss ob Ellwangen.
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Der Ellwanger Künstler hat einen neuen Werkblock geschaffen. Was ihn dazu bewog, welchen Inhalt er hat und wo er zu sehen ist.

Ellwangen

Wenn beim Künstler Ulrich Brauchle einiges zusammenkommt, kann es passieren, dass er sich „festbeißt“, wie er die nachfolgende Schaffensfreude selbst beschreibt. „Ich habe dann das Bedürfnis, mehr zu machen. Nicht vier Tage Italien im Schnelldurchlauf, sondern ein ganzes Jahr. Eine tiefere Betrachtung“, sagt Brauchle. Nun ist das wieder geschehen. Diesmal waren es Papier, Holz, eine Arbeit von 2003 mit dem Titel „Vogel in einem Boot“ - ja, und vielleicht auch ein wenig die Coronazeit, die zum Auslöser für den Werkblock „Stiftgebiet“ wurden. Ab Sonntag, 20. Juni, ist die Ausstellung dazu bei der Knoedler-Stiftung im Schloss ob Ellwangen zu sehen. Das Buch dazu gibt es auch schon. „Stiftgebiet“ heißt auch dies. Wie es zu dem Titel kommt - dazu später.

Ulrich Brauchle hat gleich mehrere Exemplare davon vor sich liegen. Er sitzt in der ehemaligen Knödlerschen Wohnung auf einem alten Stuhl mit verschlissenem Lederbezug an einem ebenfalls in die Jahre gekommenen runden Holztisch. 41 Bleistiftzeichnungen hängen an den Wänden – in variantenreichen Größen, auf Papier unterschiedlicher Struktur, jedes individuell in Holz gerahmt. Darunter auch die kleine Zeichnung eines Vogels. Das ist wichtig zu wissen, weil all dies die Dinge sind, die eine Rolle spielen für „Stiftgebiet“.

Papier aus dem Nachlass des Künstlers Hannes Münz

„Eines Tages kam der Erbnachlassverwalter vorbei, den Kofferraum voll Papier, alles von Hannes Münz“, erinnert sich Brauchle. Erst habe er, auch Lehrer, das Papier mit in die Schule nehmen wollen. Doch dann kam Corona, Brauchles bis dahin letzte Bleistiftzeichnung, der Vogel von 2003 geriet wieder in seinen Blick und der Künstler setzte sich auf den alten Stuhl an den kleinen Tisch in seinem Atelier im Schloss. Begann zu zeichnen. „Das war stark und kraftvoll“, erinnert er sich.

Brauchle klinkte sich aus. Kein Radio, keine digitalen Medien. Raum und Zeit für im Schnitt drei Zeichnungen am Tag. „Die Bütten waren alle verschieden. Jeder Schnipsel hat eine andere Geschichte aus einer ganz anderen Zeit erzählt“, sagt Brauchle. Jeden Tag neue Spuren auf dem Papier, die er weiterverfolgte. Knicke, Brüche, Flecken ließ er da, wo sie sind. Hunderte von Zeichnungen sind so innerhalb eines Jahres entstanden. „Nachdem ich 50 gemacht hatte, dachte ich, da kann ich auch mal ein Buch machen“, erzählt der Künstler.

Bücher sind Brauchle wichtig – als Ausdruck der Wertigkeit. Aber auch, weil man auf dem Sofa etwas in der Hand haben möchte; auch, weil Galerien die 100 000 Mails in den Papierkorb werfen. Ein Buch aber nicht. Auch keine seiner Zeichnungen landete bisher im Papierkorb. „Es gab keine Geschichte, nichts Figürliches, kein Thema, als ich an diesen gearbeitet habe“, sagt Brauchle. Als er dann begann, das Buch zu gestalten, habe sich doch eines entwickelt. „Kein Roman, aber etwas mit Brüchen, etwas Offenes“, beschreibt er es. Empfindungen, die immer wieder auftauchen. „Jeder Augenblick war eine große Überraschung“, sagt er. Ein schöner Klang, eine schöne Linie, das bereichere ihn, sinnliche Wahrnehmung, Genussfähigkeit. „Ich lasse mich stark von meinem Instinkt leiten. Ich kann stark auf meine innere Stimme hören“, sagt er. Seine Arbeiten spiegeln das wieder. Mal zeigen sie Schemen, fast eine angedeutete Szenerie wie „Am Fenster“, mal lediglich Linien, Formen wie „Letzter Schnee“. Innerlichkeit, Begebenheiten, äußere Landschaften, Abstraktionen.

Was sich hinter dem Titel „Stiftgebiet“ verbirgt

Alle gerahmt vom Künstler selbst. Ahorn, Birne, Zwetsche, Apfel, Esche – Brauchle hat zuhause eine Sammlung mit schönem Holz. Auch für „Stiftgebiet“ hat er die Rahmen wieder selbst geschreinert, die Passepartouts geschnitten, den Bildern damit in den vergangen sechs Wochen ein „Gebiet“ gegeben. „In einem Bild ist nicht nur was drinnen. Es wirkt auch ganz stark über den Rahmen“, sagt Brauchle. Sprünge, die Spuren eines Holzwurmes, Maserung. Dieses Format sei bewusst klassisch, so der Künstler. Auch, um die Menschen leicht abholen zu können.

Holz, Papier, der Vogel. Bleibt der Titel „Stiftgebiet“. Er habe sich zuletzt zunehmend mit der Kurzprosa des Schweizers Robert Walser befasst, so Brauchle. „Ein Zeitgenosse von Hesse. Er ging immer wieder zurück zum ganz Kleinen, zum Wenigen.“ Walser habe auf Reduktion gedrängt, großartige Texte geschrieben. Zuletzt ganz klein, diese seien nun mit dem Mikroskop lesbar gewesen. Mikrogramme. „Aus dem Bleistiftgebiet“ heißt dieser Nachlass. Brauchle selbst hat gearbeitet im Schloss, einem ehemaligen Klosterstift. Ein abgestecktes Gebiet. Daraus sei der Titel entstanden. Es ist eben wieder einiges zusammengekommen für Brauchle.

Es gab keine Geschichte. Nichts Figürliches. Kein Thema.“

Ulrich Brauchle, Künstler

„Stiftgebiet“ - Neue Zeichnungen von Ulrich Brauchle

In den Räumen der Karl-Heinz Knoedler-Stiftung Ellwangen zeigt der Ellwanger Künstler Ulrich Brauchle ab Sonntag, 20. Juni, seine neuen Bleistiftzeichnungen. Am Eröffnungstag, 20. Juni, bietet Ulrich Brauchle um 11 und 15 Uhr jeweils eine Führung an; die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Es wird daher um eine Anmeldung mit Angabe des Führungstermins bei brauchleuli@aol.com gebeten. Brauchle ist bis 17 Uhr aber vor Ort, die Ausstellung kann auch ohne Führung besucht werden. Zu sehen ist sie bis Sonntag, 18. Juli, und ist jeden Samstag und Sonntag jeweils von 14.30 bis 17 Uhr geöffnet.

Das Buch „Stiftgebiet“ gibt es für 20 Euro bei der Buchhandlung Rupprecht in der Marienstraße in Ellwangen oder auch bei Künstler selbst. www.ulrich-brauchle.de

Das Buch zur Ausstellung „Stiftgebiet“.
Das Buch auf dem Tisch, an dem Brauchle arbeitete.

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