Unendliche barocke Vergnügen

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Festival Europäische Kirchenmusik Le Concert de L'Hostel Dieu.
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Wie es einem Ensemble aus Lyon gelingt, knapp 300 Jahre alte Händel-Arien in all ihrem Reichtum zu spielen.

Schwäbisch Gmünd. Fast 300 Jahre liegen zwischen dem Heute und Händels barocker Musik; interpretiert vom Ensemble „Le concert de L’Hostel Dieu“ wird sie zum Inbegriff der Zeitlosigkeit. Am Sonntagabend gastierten die Musiker aus Lyon in der barocken Wallfahrtskirche Hohenstadt mit ihrem Programm „La Francesina – die kleine Französin“ und begeisterten die rund 350 Zuhörer mit ihrem Elan und Temperament und einer Musik, die keinen zeitlichen Abstand kennt. In die Rolle der „kleinen Französin“ schlüpfte Sophie Junker, der das EKM-Publikum zu Füßen lag, so ernsthaft und innig, aber auch temperamentvoll und feurig sang sie die Arien, die Händel einst für Élisabeth Duparc, bekannt als La Francesina, schrieb.

Junkers strahlender Sopran hat zugleich ein wohltuend dunkles Timbre: ihre Koloraturen erfüllen mit einer Strahlkraft die Kirche, die entrückend ist. Bei all dem wirkte die aus Belgien stammende Sängerin überaus natürlich – der Umstand, dass sie in Gmünd hochschwanger auftrat, verlieh ihr eine besondere Aura. Nach jeder der sieben Arien hauchte ein Mann leise von hinten „sehr schön“ – fast ein wenig ungläubig.

Ein Erlebnis war es, wie Sophie Junker mit dem Ensemble interagiert und dieses untereinander. Die Spielfreude ist den neun Musikern ins Gesicht geschrieben. Unglaublich beweglich lassen sie die Musik anschwellen, um im nächsten Moment ins zarte Piano überzugehen – die Dynamik der Franzosen ist unbeschreiblich. Ihr Leiter Franck-Emmanuel Comte begleitet die Musik am Cembalo, sieben weitere Saiteninstrumente von der Violine über die Gitarre bis zum Kontrabass sorgen für eine erhebende Klangfülle.

Zwischen den Arien interpretiert Le concert der L’Hostel Dieu/das Konzert der Gottesherberge – ein für deutsche Ohren etwas ungewöhnlicher Name – Musette, Gavotte und Ouvertüren aus den Händel-Opern und Oratorien Deidamia, Serse, Hercules, Saul und weiteren. Der Wechsel zwischen instrumentalen Stücken und Ensemble mit charmanter Sängerin ist reizvoll und steigert die Vorfreude auf den nächsten Auftritt Junkers. Konzertieren beide zusammen, trifft auf sie zu, was die Sopranistin als Michal im dritten Akt des Saul-Oratoriums singt: „In sweetest harmony they lived“.

Nicht ganz treffend die Zeile aus dem Oratorium Semele: „Endless pleasure, endless love“ – das unendliche Vergnügen ein besonderes Programm mit besonderen Musikern und Sängerin zu hören, endete nach eineinviertel Stunden und „Mi parto lieta“ als Zugabe. Die Musik für die kleine Französin hat sich da längst fest ins Gedächtnis eingeprägt – auch dank der ausgefeilten Mimik, die Junkers Gesang begleitete. Merci! ⋌Birgit Markert

Weiter geht das EKM am Mittwoch mit dem Motettenchor Schwäbisch Gmünd unter Sonntraud Engels-Benz und Antonín Dvořáks Stabat Mater op. 58 in der Augustinuskirche.

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