Vison und visonäre Musik

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AuditivVokal aus Dresden: stimmgewaltig, opulent
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„Vision Europa“ – wie das Kirchenmusikfestival ist auch das eigens konzipierte Programm von AuditivVokal aus Dresden überschrieben.

Schwäbisch Gmünd

Zwölf Sängerinnen und Sänger nehmen um das Kirchenschiff herum Aufstellung, in dem viele Plätze freigeblieben sind, und intonieren einen Abgesang auf die Politik: „Europe“ von William Billings aus dem Jahr 1778. Beschwingter Chorgesang erfüllt den Raum.

Dann wird die Kirche zur Theaterbühne. „Festung Europa“ heißt das Stück von Falk Richter. Die Texte provokant, anklagend und zynisch. Immer wieder werden Passagen daraus in das Konzert eingeschoben. Was ist Europa? Auschwitz und Hochkultur. Fluchterfahrung aus zwei Weltkriegen und Angst um die innere Sicherheit. Wohlstand auf Kosten anderer.

Das Programm ist herausfordernd und von hohem intellektuellem Anspruch, die zumeist zeitgenössischen Werke sind nicht unbedingt eingängig. Unbestritten ist die herausragende Qualität des Ensembles im Ausloten feinster Klangnuancen und dem souveränen Interpretieren Neuer Musik, abseits des Gewohnten. Das sorgt für Spannung und überraschende Momente, auch weil sich die Sänger wiederholt neu im Raum positionieren.

„Mit-Be-Stimmung“ von Richard Röbel setzt sich musikalisch mit dem Thema Mitbestimmung auseinander, unterlegt von einer Geräuschkulisse aus Summen, Schnalzen und Flüstern.  

John Cages „The best form of government“ ist komponiertes Stimmengewirr – die Choristen laufen singend und Anarchistenfähnchen wedelnd durch den Kirchenraum.

Neue Musik zum Mitmachen? Kein Problem für Olaf Katzer. In drei Minuten hat der routinierte Chordirigent mit dem Publikum die „Hymne für ein anderes Land“ von Gerhard Stäbler einstudiert. Das Notenblatt dafür gab es am Eingang.

Starke Statements im Sinne einer Vision Europas sind zwei Stücke. „Heiliger Gott“, eine ukrainische Hymne, die das Ensemble mit erhebendem Ausdruck anstimmt. Und die Uraufführung „An die Freude“, eine neue Vertonung der Schiller-Ode des russischen Komponisten Vladimir Rannev. Ein stimmgewaltiges opulentes Werk. Langer Beifall belohnt das Ensemble und den anwesenden Komponisten. Augenzwinkernd verabschiedet sich AuditivVokal mit einer spritzigen Parodie auf „Vox populi“.

AuditivVokal aus Dresden: Die Sängerinnen und Sänger positionieren sich auch mal unterschiedlich im Raum.
Auditivvokal dresden EKM Foto: hie

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