Von einem König, Klaviersaiten und einem gewonnenen Kampf

  • Weitere
    schließen
+
Erich W. Hacker führte von 1999 bis 2021 die Internationale Musikschulakademie Schloss Kapfenburg.
  • schließen

Mehr als zwanzig Jahre lang führte Erich W. Hacker die Internationale Musikschulakademie Schloss Kapfenburg. Nun hat er einen Nachfolger und blickt zurück, aber auch in die Zukunft. 

Spazieren gehen? Nicht sein Ding. Rasen mähen eigentlich auch nicht. Dabei hat Erich W. Hacker einen Hund. Und einen großen Garten. Doch spricht man den ehemaligen Akademiedirektor von Schloss Kapfenburg auf solche Klischees über den Zeitvertreib von Ruheständlern an, winkt er ab. Konventionen und Klischees hat er sich ohnehin nie unterworfen. „Den Lokführerschein zu machen, das wäre noch etwas, was mich reizt“, sagt der Sohn eines Eisenbahnvorstehers, der sonst wohl so ziemlich alle Führerscheine hat, die man eben so haben kann. Hacker ist Technikfreak und Fahrzeugfan.

Einer großen Maschine vorstehen, sie nach vorne bringen und in der Spur halten – das hat Erich Wilhelm Hacker fast sein ganzes Leben lang gemacht. Mehr als 20 Jahre lang lenkte er die Geschicke der Musikschulakademie auf Schloss Kapfenburg. Anfang April dieses Jahres hat der 69-Jährige sie nun in die Hände seines Nachfolgers Moritz von Woellwarth übergeben. Der braucht eigentlich mehr als nur zwei Hände. Denn der Aufgabenbereich war und ist groß. Neben der Akademie das Restaurant Fermata, Gesundheitszentrum, Tagungsbereich, die Konzertreihe Accelerando, das Festival, Jugend musiziert.

Besuch des Königs von Benin.

All diese Bereiche sind enorm gewachsen während Hackers Zeit auf der ehemaligen Deutschordensfeste. Nicht Amtszeit, wohlgemerkt. Denn Beamter ist Hacker schon lange nicht mehr. „Ich habe den Status, den ich als Realschullehrer hatte, gleich nach meinem Beginn als Musikschulleiter in Waldstetten wieder abgegeben“, erzählt er. Das Gefühl, es müsse noch was passieren, begleitete ihn da schon länger. Der Wunsch, selbstverantwortlich unternehmerisch tätig zu sein. Dann kommt die Ausschreibung für die Kapfenburg. Hacker setzt sich durch gegen ein starkes Umfeld von zahlreichen Mitkonkurrenten. Er wird zum „Chef einer Kommandantur“, wie er mit Bezug zur Schlossgeschichte den komplexen Aufgabenbereich nennt.

„Chef einer Kommandantur“, die sich wandelt und wächst

Ab 1999 führt der gebürtige Schwäbisch Haller, der an der Pädagogischen Hochschule Gmünd Musik und Mathe und dann in Ludwigsburg Kulturmanagement studiert hatte, die Kapfenburg nicht als Angestellter der Stiftung, sondern als selbstständiger Inhaber einer Dienstleistungsfirma. Alle fünf Jahre bekommt er den Auftrag neu, den Betrieb zu leiten. Ein Betrieb, der sich stets wandelt und wächst.

2002 erfolgt die Umwandlung in eine gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechtes. Zwei Jahre später wird das Zentrum für Musik, Gesundheit und Prävention zur Gesundheitsförderung bei Musikern gegründet, 2006 das Restaurant Fermata in den Stiftungsbetrieb integriert.

Auf insgesamt 22 Jahre Wirken auf Schloss Kapfenburg kann Erich W. Hacker heute zurückblicken. Eine Zeit, in der die Zahl der Mitarbeitenden von zehn auf 80 wächst. Eine Zeit, in der es anfänglich ums wirtschaftlich Überleben geht – Erlöse zu erwirtschaften bleibt bis heute nicht einfach. Die Stiftung muss sich zu dreiviertel selbst tragen. „In den ersten Jahren waren wir vollauf damit beschäftigt, alles zusammenzukratzen“, erinnert sich Hacker. Heute sei man in allen Bereichen gut aufgestellt.

Einer der Höhepunkte des Stiftungsjahres ist freilich in jedem Sommer das Festival auf Schloss Kapfenburg. Kreativ gestaltet das Team mit und um Hacker herum stets die Eröffnungsfeier. Immer beeindruckend, oft spektakulär – nicht nur wegen des Feuerwerks, das stets zum kollektiven Staunen und Raunen des Publikums führt. Mal überrascht das Team mit 80 Meter langen Klaviersaiten, die das Schloss 2000 zum damals größten Musikinstrument der Welt machen. 2011 erklingt im Innenhof des Schlosses zum 125. Geburtstag des Automobils ein Hupkonzert, komponiert von dem Leiter der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg, Uwe Renz. Der Klangkörper, der, nebenbei gesagt, auf der Kapfenburg quasi durch alljährliche Probenaufenthalte seine Heimat gefunden hat.

Ich habe eine rundum positive Einstellung zu dem, was ich gemacht habe.

Erich W. Hacker, Akademiedirektor a.D.

Aufsehenerregende Festivals und internationale Stars

Manchmal sorgt der Akademiedirektor sogar selbst für Aufsehen. Etwa, als er den mit einem Orakel bestimmten König von Benin empfängt, der in Stuttgart im Nebenberuf als Koch arbeitete. 2017 zieht er gar den Neid des damaligen Landrates Klaus Pavel auf sich, als er beim Stiftungsfest in einem grellbunten Comic-Anzug auftritt. Pavel fordert das Sakko. Oder zuletzt beim Festival 2019, als er sich ebenfalls beim Stiftungsfest, selbst zur Musik von „The Typewriter“ von L. Anderson hinter eine Kugelkopf-Schreibmaschine setzt.

In situ 2018. Mann trägt Comic.

Das Festival selbst wächst sich immer mehr aus zum Stelldichein nationaler und internationaler Größen. Sogar Zucchero kann man 2018 mit Hilfe von Sponsoren, ohne die es auch sonst nicht geht, wie Hacker betont, auf die Konzertbühne in den Schlosshof oberhalb von Lauchheim locken. 50 000 Besucherinnen und Besucher jährlich zählt die Kapfenburg vor der Pandemie.

Erich W. Hacker und Rainer Koczwara (r).

Zu groß wird Erich W. Hacker die Verantwortung nie. Auch, weil er das Risiko nicht scheut. „Unvernünftige Dinge mache ich gerne“, sagt er. „Wäre ich vernünftig, hätte ich die Finger von dem Laden hier gelassen.“ Oder auch von seiner Hündin Maya, einem Parson Russell Terrier, die „immer raus muss“ und eigentlich nichts ist für einen Mann, der selbst von sich mal sagt, er habe eine „Wanderstörung.“ Oder von den Zigarren, von denen er gerne mal eine raucht aus dem gespendeten Humidor im Kaminzimmer. Den er mitnehmen würde, könnte er sich einen Gegenstand aussuchen, wenn er dann tatsächlich ganz die Kapfenburg verlässt.

Menschenfreund sein und historische Gemäuer lieben

Noch bis Ende des Jahres wird Erich W. Hacker seinen Nachfolger begleiten, damit dieser sich in Ruhe einarbeiten kann. Den Titel „Schlossherr“, der ihm zuweilen zugesprochen wurde, hat er aber bereits abgegeben. „Ich habe eine rundum positive Einstellung zu dem, was ich gemacht habe“, sagt er. „Und ich freue mich auch, wenn ich gelobt werde“, fügt er an. Etwa auch, wie jüngst durch die Auszeichnung vom Landesverband der Musikschulen mit der Stamitz-Medaille, mit der er sich in eine Reihe von Größen wie Lothar Späth oder die ehemalige Landtagsvizepräsidentin Christa Vossschulte einreiht. „Das hat mich überrascht“, sagt er, „denn ich habe immer gekämpft und kann auch streiten.“

In Situ 2019.

Was nicht heißt, dass sich Erich W. Hacker nicht stets zur Maxime gemacht hat, jeden gleich zu behandeln. „Sie müssen Menschenfreund sein. Freundlich, zuvorkommend, jeden gleich nett finden“, sagt er zu einer der wichtigsten Eigenschaften, die er als Akademiedirektor haben musste. Dazu Kreativität und betriebswirtschaftliches Denken. „Und man muss den Umgang mit dem historischen Gemäuer lieben.“ Jeden Tag habe er gestaunt und sich gesagt: „Das ist mein Arbeitsplatz. Den Wandel der Jahreszeiten von meinem Büro aus zu erleben, das war grandios“, schwärmt er.

Zurück zum nahenden Ruhestand. Für den Rasen hat sich der Technikfan Hacker natürlich längst einen Mähroboter angeschafft. Ihn treibt es eher wieder dazu, selbst mehr zu musizieren. Saxofon möchte er wieder spielen. Am besten mit anderen zusammen. Möglich, dass er sich auch sozial engagiert. Sicher aber ist: Der Hund braucht Führung. Hacker hat sich mit ihm beim Hundetraining in Lorch angemeldet. Womöglich kommt er da um ein Mehr an Spazierengehen gar nicht mehr herum.

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL