Wagner wunderbar unromantisch im Motel versumpft

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Corby Welch als Tannhäuser (l.) und Birger Radde als Wolfram von Eschenbach.
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Umjubelte Premiere von „Tannhäuser“ in unter musikalischer Leitung von Marcus Bosch.

Heidenheim. Kopulationen in wechselnden Konstellationen, im Pool planschende Mädchen im Glitzerbikini und wenn‘s langweilig wird, gibt‘s ja noch eine Flasche Schampus und einen Spielautomaten: Tannhäuser ist im Venusberg versumpft. Der ist in der Heidenheimer Version von Wagners gleichnamiger Oper allerdings nicht eine romantische Höhle mit smaragdgrünem Wasserfall - hier zieren abgewetzte Sessel das Ambiente eines Motels. Regisseur Georg Schmiedleitner hat mit Bühnenbildner Stefan Brandmayr die 1845 uraufgeführte Oper ins moderne Lotterleben katapultiert. Eine Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Marcus Bosch, die vom Publikum der nicht ganz ausverkauften Premiere am Freitag im Festspielhaus eine Viertelstunde lang bejubelt wird. Da ist es gegen 23 Uhr und draußen herrschen lediglich 14 Grad. Ein Grund, warum die Premiere nicht im Rittersaal gefeiert wird. Das Publikum soll nicht bibbern, sondern dranbleiben.

Dran bleibt es - was man von Tannhäuser, den Kostümbildnerin Cornelia Kaske in einen abgetragenen schwarzen Trainingsanzug gesteckt hat, nicht sagen kann. Der lustvollen Umgebung überdrüssig, muss ihn Venus wütend ziehen lassen. Zu sehr vermisst der Getriebene Tag und Nacht, Wald und Wiese. Ein erster Höhepunkt für die Solisten - Heike Wessels agiert als Venus stimmlich mit theatralischer Kraft, Tenor Corby Welch als Tannhäuser mit körperlicher Rotzigkeit, aber immer auch seine Innerlichkeit offenbarend.

In einem Tal begegnet Tannhäuser einem Hirten, hört aus der Ferne schon die Pilger singen und trifft auf die Sängergruppe von der Wartburg. Gemeinsam schleift diese übermütig einen bei der Jagd erlegten Hirschen hinter sich her - der Wille zum Gemetzel lässt grüßen. Die Aussicht, Elisabeth wiederzusehen, lockt Tannhäuser auf die Wartburg und zur Teilnahme an einem weiteren Sängerkrieg. Dorthin kehrt auch die in den Abtrünnigen verliebte, von allen begehrte Elisabeth zurück. Ein mitreißender Auftritt von Lea Gordon aus den Reihen des Publikums heraus - voller freudiger Erwartung.

Die Tannhäuser nach einem ersten Treffen jäh enttäuscht. Manchmal fast ein wenig zu breitbeinig sabotiert er den ihn öde anmutenden Sängerwettstreit in Sachen geistiger Liebe. Offenbart sich lieber selbst als Anhänger deren fleischlicher Variante samt Venus. Zuviel Sünde für die Sängertruppe, allen voran dem nach Elisabeth schmachtenden Wolfram von Eschenbach, dessen moralische Zerrissenheit Birger Radde immer wieder gekonnt in den Vordergrund stellt. Tannhäuser soll sterben, doch Elisabeth rettet ihn. Pilgerschaft nach Rom heißt nun des Büßers nächster Weg. Doch die Vergebung des Papstes bleibt Tannhäuser am Ende verwehrt.

Wagners Musik verführt zum pathetischen Klotzen, doch das Dirigat lässt die Stuttgarter Philharmoniker stets standhalten. Marcus Bosch stellt das Orchester in den Dienst der Solisten und des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn. Schafft so eine homogene Einheit zwischen Geschehen und wunderbarer Musik – ein Gesamtkunstwerk, dem man sich zwischendurch ohne Nachdenken über ein Zuviel einfach hingeben kann. Dem Tannhäuser hätte das sicher gefallen.

Tannhäuser von Richerad Wagner bei den Opernfestpielen Heidenheim 2022.

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