Wenn der Ivo Batic aus dem "Tatort" witzelt statt ermittelt

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Miroslav Nemec im Lokschuppen. Foto. Rudolf Penk
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Miroslav Nemec zu Gast bei der Kulturschiene Heidenheim. Wie der Fernsehstar dort das Publikum unterhielt und welche Talente er neben seiner Schauspielkunst noch hat.

Heidenheim

Wie ist er denn jetzt so, der Nemec hinter dem Batic? Ein wenig grummelig, wie der Kommissar Ivo Batic,  den man aus der sonntäglichen Kultserie „Tatort“ kennt? Oder doch ganz anders? Die Frage treibt offenbar viele seiner Fans um - ausverkauft war der Lokschuppen Heidenheim am Donnerstagabend mit 150 Gästen in halber Besetzung.

Der Ivo mag angesichts von Millionenquoten da wohl nur müde lächeln, der Miro aber freute sich sichtlich über die, die gekommen sind, als er die karge Bühne mit Tisch und Stuhl betritt. Einziger Glanzpunkt: ein Flügel, den er später noch ziemlich gekonnt beackern wird. „Miroslav Jugoslav„ heißt das Soloprogramm, mit dem Nemec nach Heidenheim gekommen ist.  Musik und Lesung - „politisch nicht korrekt“ ist ein Satz, den man in diesem Zusammenhang aus seinem Mund an diesem Abend mehrmals hören wird.

Klavier, Gitarre und Brecht

Den Werbeblock für sein Buch und ein Familiendrama, bei dem er zu sehen gibt, hakt er schnell ab. Schließlich hat er viel vor, „der Nemec hinter dem Batic“, wie er sagt.  Es geht ums sein Leben, freilich fernab jeglicher Chronologie. Einstand mit Herbert Grönemeyer, für den er als junger Nachwuchsschauspieler am Theater Köln einspringt, weil der ein Casting hat - „irgendwas mit einem U-Boot“ - „da war ich dann nicht dabei“, witzelt Nemec, mittlerweile ergraut, im schwarzen Sakko, die Lesebrille beständig auf und absetzend. Er ist Jahrgang 1954 und dürfte damit eine Menge Altersgenossen im Publikum haben. Noch ein wenig älter wäre der längst verstorbene Rio Reiser gewesen, von dem er sein erstes Lied am Flügel spielt.  „Unten am Ufer“ - Poesie, präsent gesungen, famos  am Flügel interpretiert. Nemec spielt Klavier, seit er fünf Jahre alt ist und studierte am Mozarteum - das wird er später noch ein wenig ausführlicher erzählen. Ein Musiker, der das Schauspiel für sich entdeckte - nicht umgekehrt. Mime ist er freilich seit Jahrzehnten mit Haut und Hand, wie er beweist. Er zitiert Worte von Horvath und Brecht, Kästner und Jandl, zeichnet jeden Satz nach mit Gestik und Mimik. Das gleiche Eintauchen in jeden Witz - sei er auch noch so flach, schlüpfrig oder eben nicht so „politisch korrekt“. Der kürzeste: „Gehen zwei Schauspieler an einer Bar vorbei“.  Es sind nicht wenige wie diese, doch laut lachen muss man oft trotzdem - vielleicht auch ein wenig, weil es Zeiten sind, in denen man das Lachen nicht sieht, sondern eben wegen der Masken nur hört.

Die Familie hinter dem Nemec

Viel Raum widmet Nemec aber auch seiner Familie, seiner Kindheit, in der man nur fünf, statt zehn Eier kaufte und schon mal zu den betuchteren Verwandten fuhr, weil es da auch mal ein Huhn zum Essen gab. Schul-Ping-Pong zwischen Freilassing und Zagreb, Eltern, die sich scheiden lassen und wieder heiraten. Zeiten, in den Worte wie „Zigeuner“ und „Ausländer“ und „Jugo“ zur Alltagssprache gehörten - „ich erzähle das, was damals war“, sagt Nemec. Kuriose und lustige Geschichten, wie etwa die von der Großmutter, die mit dem Hintern wohl habe morsen können,  Geschichten, aus denen Verbundenheit und Liebe zu seiner Heimat und einer großen Familie nachklingt.

„Wenn ich mal nach Hause komme, wird immer noch gesungen“ sagt Nemec und bringt ein wenig von diesem Gefühl in den Lokschuppen. Kroatische und bosnische Lieder, „La Paloma“, „Schnucki, ach Schnucki“ an der Gitarre - dazwischen fallen in seinen Erzählungen nach einem Luftgitarren-Solo zu „Another brick in the wall“  Namen wie Herbert von Karajan und Carl Orff, die er noch erlebte, oder Curd Jürgens, mit dem er als junger Mann in seiner Zeit am Mozarteum in Salzburg mal im Fahrstuhl fuhr.

Selbstsicher und unterhaltsam bewegt sich der Schauspieler, Sänger und Autor am Rand unterhalb der Gürtellinie aber auch auf hohem Niveau. Beim Publikum wird das mit viel Applaus belohnt. Es mag offenbar den Nemec hinter dem Batic.

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