Wenn die Herrscherin am Ende ihren Klappstuhl umwirft

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Wenn der Thron zum Klappstuhl wird Theater Zwei Frauen, zwei Machtansprüche - in Schillers Maria Stuart endet die Geschichte tragisch. Von Birgit Markert Moderner Anstrich eines Klassikers: die Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ des L
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Wie das Landestheater Tübingen Friedrich Schillers berühmtes Drama „Maria Stuart“ auf die Bühne im Gmünder Stadtgarten bringt.

Schwäbisch Gmünd

Was ist der Mensch? Was ist das Glück der Erde?“, fragt Königin Elisabeth, als die Tat vollbracht und ihre Widersacherin Maria Stuart aus dem Weg geschafft ist. Das Glück dieser Erde – die beiden Schillerschen Frauenfiguren sind weit davon entfernt. In seinem Drama „Maria Stuart“, das historisch im England des 16. Jahrhunderts angesiedelt ist, stirbt die eine als Märtyrerin, die andere bleibt als Regentin zurück, die des Herrschens müde ist. Bevor es zu dem tödlichen Finale kommt, wird nichts weniger als die Legitimation von Herrschaft verhandelt.

Die Tübinger Inszenierung, mit der das Landestheater im Gmünder Stadtgarten die Theatersaison vor rund 200 Zuschauern eröffnete, bringt den Stoff in zwei Stunden verdichtetem Geschehen auf die Bühne. Schillers politisches Trauerspiel ist anspruchsvoll, nicht nur sprachlich. Den historischen Abstand überbrückt Regisseurin Juliane Kann, indem sie die handelnden Personen auf acht wesentliche reduziert und dem Stück einen modernen Anstrich gibt.

Die Kostüme muten wie ein wildes Sammelsurium an. An ihr royales Dasein erinnern bei den Königinnen nur noch die breiten ausgefütterten Schultern und eine angedeutete Halskrause. Ansonsten dominieren Karo, Rüschen, Glitzer und Plateauschuhe. Die Bühne wird dominiert von einer weißen Leinwand. Vor ihr spielen sich dicht aneinandergereiht die fünf Akte ohne Bühnenumbau ab.

Am Anfang steht nicht Schiller, sondern ein Vorspiel, das dem Wort „Willen“ in vielerlei Gestalt nachspürt: „Willentlich hat er mit Widerwillen hat sie willenlos scheinst du …“ Wie Dramaturgin Laura Guhl in der Einführung hervorhebt, ist die Frage nach Autonomie und freiem Willen für die Regisseurin entscheidend: „Wo kann in einem streng monarchischem System Freiheit liegen?“ Erschwerend kommt hinzu, dass in der höfischen Welt Täuschung, Verstellung und Schein an der Tagesordnung sind.

Diesem System entzieht sich Maria Stuart (Julia Staufer), um deren letzte drei Tage es geht. Sie, schottische Königin und Katholikin, suchte Schutz in England. Weil sie jedoch einen legitimen Anspruch auf den englischen Thron hat, ist sie eine Gefahr für Elisabeth (Insa Jebens) und wird gefangen genommen. In einer schicksalhaften Begegnung der beiden, kommt zur politischen Rivalität eine persönliche – Maria vergisst jede Diplomatie und bezeichnet ihre Rivalin als Bastard – womit sie ihr Todesurteil besiegelt.

Maria ist „bereit zur Ewigkeit zu gehen“. Doch zuvor stimmt sie das Lied „What’s up“ von 4 Non Blondes an, in dem es um die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen geht: „Ich bete jeden einzelnen Tag für eine Revolution“, womit auf die Entstehungszeit des Dramas, die Französische Revolution, angespielt wird, in die Schiller zunächst große Hoffnungen setzte, bis es zur jakobinischen Terrorherrschaft kam.

Elisabeth hingegen hat endlich einen unangefochtenen Raum, aber nicht das Glück gefunden – Herrscherin in einem absolutistischen Staat zu sein, steht dem entgegen. „Ich bin des Lebens und des Herrschens müd“, sagt sie am Ende und wirft den Klappstuhl, der für ihren Thron steht, um.

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