Wenn die Lüge zur Weltordnung gemacht wird

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Das Landestheater Tübingen führt in Schwäbisch Gmünd „Der Prozess“ von Franz Kafka auf. Die Inszenierung orientierte sich eng an der Romanvorlage.

Kafkas „Der Prozess“ mit dem Landestheater Tübingen begeistert im Gmünder Stadtgarten.

Schwäbisch Gmünd. Kafkas „Der Prozess“ auf die Bühne zu bringen, ist mit Sicherheit ein gewagtes Unterfangen. Dem Landestheater Tübingen ist dies am Freitag im Gmünder Stadtgarten weitestgehend gelungen. Sich eng an der Romanvorlage orientierend, mit einem kargen und doch aussagekräftigen Bühnenbild versehen, wurde ohne zeitgeistige Zugeständnisse Kafkas bizarres Weltbild zu düsterem Leben erweckt.

Adrian Herrmanns Bühnenfassung unter der Regie von Jenke Nordalm, mit den Schauspielern Jürgen Herold, Justin Hibbeler, Gilbert Mieroph und Julia Staufer hervorragend besetzt und umgesetzt, fand die begeisterte Zustimmung der Besucherinnen und Besucher in Gmünd.

Josef K., tragische Hauptfigur im obskuren Geschehen, wurde von allen Schauspielern abwechselnd dargestellt, wie auch alle sonst beteiligten Romanfiguren.

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit diesem berühmt gewordenen ersten Satz in Kafkas Roman wurde auch das Schauspiel von allen vier Schauspielern im Chor eingeleitet.

Überrascht wird Josef K. in seinem Bett, als es nach seinem Frühstück klingelt. Statt seiner Hauswirtin tritt ein ihm unbekannter Mann ein, der ihm eröffnet, dass er verhaftet sei. K.s Nachfragen nach dem ihm vorgeworfenen Vergehen und welche Anklage gegen ihn geführt werde, werden mit vagen Ausweichantworten abgespeist.

K. versucht aus seinem näheren Umfeld mehr zu erfahren und muss erleben, dass ihm misstrauisch begegnet wird.

Ein Mensch wird an sich irre

Die Hauptfigur wird allmählich an sich selbst irre – und findet sich allmählich mit seinem „Verfahren“, „seiner Sache“ ab. Schließlich, so tröstet er sich, sei dies ja ein Rechtsstaat. Und in einem solchen gehe es ja wohl mit rechten Dingen zu.

Mag Kafkas Erzählung auch düster sein, gewisse komödiantische Elemente sind durchaus erkennbar. Die paradox anmutenden Vorgänge entbehren nicht einer gewissen Komik.

So erklärt man ihm, dass man nicht alles für wahr halten, sondern „nur“ für notwendig halten müsse. Woraus K. schließt: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“

K. ist zu Beginn seines Prozesses durchaus noch kampfbereit und willig, es mit allen widrigen Umständen aufzunehmen. Allein Dauer und Ungewissheit zermürben ihn, lassen ihn seinem Schicksal gegenüber gleichgültig werden.

Und so geht er am Ende willenlos mit zu seiner schon fast von ihm erwünschten Hinrichtung. Im Roman endet K. mit einem Stich ins Herz – auf dieses blutige Detail verzichtet die Bühnenfassung.

Sein Schlusssatz „Wie ein Hund!“ muss hier genügen.

Harald Pröhl

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