Winterstarre und der Umgang mit Natur im KUBAA

+
Das Theater der Stadt Aalen zeigt „Hibernation“.

O-Team und Theater der Stadt Aalen erforschen mit „Hibernation“ erstaunliche Zwischentöne.

Aalen. „Hibernation“ heißt das Projekt – aufgeführt im KUBAA. Und meint damit das Dazwischen. Im Sein. Wie der Winterschlaf bei Tieren, ein künstliches Koma beim Menschen. Diese ganz besondere Zustandsform thematisiert die Performance. Und den menschlichen Umgang mit Natur, Technik, vermeintlichem Abfall.

„Hibernation“ ist der dritte von vier Teilen der Projektreihe „Crash“ – die das O-Team zusammen mit dem Theater der Stadt Aalen konzipierte. Es sucht – und findet – die Positivität, hat einen sanften Blick auf die Dinge, in der auch mit Styroporbrocken gekuschelt wird. Doch die Performance legt auch den Finger in die Wunde. Ganz besonders beim Thema Umgang mit der Natur, Vermüllung der Erde. Wie sehr dieses Wundewühlen wehtut, das bleibt dem Zuschauer überlassen. Was lässt er für sich zu? Welche Töne dessen, was das O-Team anklingen lässt, umkreist, will er hören? 

Ungewöhnlich die Mittel. Viel Technik auf der Bühne. Mindestens so viel wie Mensch. Roboter als gleichwertige Akteure. Allein das zeigt ein Dazwischen. Vielleicht den Zustand, in dem die Menschen bereits angekommen sind. Wie sehr bestimmt Technik unseren Alltag? Wie abhängig sind wir? Gewollt oder ungewollt? Verteufeln oder annehmen, das Positive sehen? Die Putzroboter, die ziellos über die Bühne surren. Sie kriegen's nicht gebacken mit der Ordnung. Kommen nicht gegen die menschengeschaffenen Müllberge an.

Und der Mensch? Genauso wenig. Doch als die zwei Müllleute (dargestellt von Antje Töpfer und Folkert Dücker) auslaufen, ihnen Farbe aus allen möglichen Öffnungen rinnt und das Roboterrudel bei dem Ganzen mitmischt, entsteht etwas, das sich durchaus als schön bezeichnen lässt. Und damit wieder einen Zwischenton trifft.

Tiefes Donnergrollen. Regen prasselt. Symbolisiert und trennt die traumartigen Sequenzen. Bewegte Bilder, Farben, Musik versetzen die Figuren in Trance. Ein Dazwischen. Zwischen Aktivität und Stillstand. Vielleicht eine Erholform für die Seele? Antje Töpfer mag nicht viel vorgeben, will dem Zuschauer viel Platz lassen für eigene Assoziationen. Eine der Kreaturen des Stücks: eine Scheinwerferin, die unauffällig, groß und schlank durch den Raum gleitet. Mit ihren vier LED-Augen die Zuschauer der ersten Reihen mustert, neugierig  ins Visier nimmt, dann doch wieder einsam den Kopf hängenlässt.

Auch ein Zwischenton: Wie funktioniert Kontakt? Was ist nötig, dass aus einem bloßen Blick etwas entstehen, die Brücke zum Gegenüber geschlagen werden kann? Über die Einsamkeit hinweg.

Denkstoff gab es genug im KUBAA. Vor allem rund um das Thema Müll. Und seine Voraussetzung: kopflosen Konsum. Die beiden Zukunftswesen auf der Bühne, sie haben sich in eine Unfähigkeit manövriert, aus der sie es nicht mehr heraus schaffen. Bedrückende Lähmung. Dann wieder die Szene, in der der eine Mensch den anderen, von dem nur noch eine leere Hülle geblieben ist, der nichts mehr erträgt, der nichts mehr kann, der nichts mehr ist, sorgend aufnimmt. Zart. Vorsichtig. Zutiefst anrührend. Großartig umgesetzt.

Im Schattenspiel, in dem Töpfer und Dücker geschickt Urzeittierchen entstehen lassen, wie auch in ihrer mikroskopisch genauen Entdeckungsreise in einem Haufen Humus, deutet das Stück an, wohin die Reise gehen könnte: Zurück auf Anfang mit der Welt. Sofern es noch einer richten kann, dann die Natur selbst. Dann, wenn sich das mit dem Mensch erledigt hat.⋌pe

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Mehr zum Thema

Kommentare