„Wir sind Teil der Krise und der Lösung“

+
Ökouzid Landestheater Foto: Hartmut Hientzsch
  • schließen

„Ökozid“: Kann unterlassener Klimaschutz zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt werden?

Schwäbisch Gmünd. Wachstum und Wohlstand um jeden Preis, das Klima bleibt auf der Strecke. Wissenschaftler warnen seit Langem vor dem ungebremsten CO2-Ausstoß. Katastrophale Folgen hat die Ignoranz der Industrie-Nationen für den globalen Süden, wo sich Dürren und Überschwemmungen immer verheerender auswirken und ganze Landstriche unbewohnbar werden.

Können die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden? Dieser Frage gehen Andres Veiel und Jutta Doberstein in dem Theaterstück „Ökozid“ nach, das auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2020 beruht. Am Donnerstagabend gastierte das Landestheater Tübingen mit dem gut zweistündigen Schauspiel im Gmünder Stadtgarten und ließ ein nachdenkliches und aufgewühltes Publikum zurück.

Einfach ist in dem Stück gar nichts. Veiel und Doberstein sind tief in der Materie drin und zeigen, wie geschickt die Wirtschaft, allen voran die Automobilindustrie, agiert, um politische Vorgaben zu verhindern oder wirkungslos zu machen. Wachstum und Konsum werden zementiert, Nachhaltigkeit gibt es allenfalls als Greenwashing. Freiwillige Selbstverpflichtung und Zertifikatehandel haben kaum Auswirkungen, weil sie ohne Biss oder gleich Mogelpackungen sind.

Faktenreich lässt das Ensemble die Politik von Schröder bis Merkel Revue passieren. Ganz aktuell findet auch der russische Angriffskrieg Eingang, „der alle Ansätze völlig begräbt“. Sogar russische Trolle haben einen leibhaftigen Auftritt; sie hetzen das Volk gegen „Klimafaschisten“ auf.

Im Zentrum des Stücks steht die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die des Ökozids angeklagt wird. Sie tritt als fast lebensgroße Puppe mit Klappmaul auf, die Julia Staufer wie einen Wams vor sich herträgt. Sie ist eine tragische Figur, weil sie das, was ihre Pflicht gewesen wäre, die Natur zu schützen, dem Erhalt von Arbeitsplätzen untergeordnet hat. Am Ende ist der Gerichtshof mit einem juristischen Dilemma konfrontiert – der Ausgang bleibt offen.

Die Perspektiven wechseln ständig: Der Klimaforscher kommt ebenso zu Wort wie der RWE-Chef oder ein ruinierter Landwirt, dessen Viehbestand die letzte Hitzewelle nicht überlebte, reale Video-Sequenzen werden eingeblendet, und eine apokalyptische Fahrt durchs Hochwasser, die im Sturzbach endet.

Multiperspektivisch ist auch die Seite der Klägerinnen, die eine aktivistisch, die andere pragmatisch; die Gegenseite ist durch einen Anwalt vertreten, der immer wieder ins Feld führt, dass sich Deutschland ja selber zugrunde gerichtet habe. Beeindruckend ist es am Ende, als echte „Fridays for future“- und „Omas for future“-Aktivistinnen und -Aktivisten auf die Bühne kommen und appellieren: Jeder habe Einfluss in dem einen oder anderen Bereich. „Wir sind nicht nur Teil der Krise, sondern auch Teil der Lösung.“⋌ Birgit Markert

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Kommentare