Wohlige Teilchenschauer

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Gee Hye Lee überzeugte das Gmünder Publikum.
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Gee Hye Lees „Geenious Four“ sorgen im Remspark für Glücksgefühle.

Schwäbisch Gmünd.„Teilchenschauer“ heißt einer der zahlreichen Titel aus der Feder der südkoreanischen Pianistin Gee Hye Lee. Im Unterschied zu Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“ lässt einen ihre Musik wohlig schauern. Zumal sie beim EKM-Konzert Donnerstagabend im Remspark in Schwäbisch Gmünd noch drei Vollblutmusiker an ihrer Seite hatte.

Mit flinken Fingern und nuanciertem Anschlag schickt sie ihre Notenschauer über die Köpfe des Publikums. Man spürt, dass sie ihr Handwerk klassisch erlernt hat, bevor sie von Miles Davis‘ fantastischem Album „Kind of Blue“ mit dem Jazzvirus infiziert worden ist.

Das Quartett ist weit mehr als ein aus der Not geborener Ersatz für das norwegische Krupka Trio. Bis auf den in Seoul lebenden Schlagzeuger Manuel Weyand haben neben der Pianistin auch Sebastian Schuster am Kontrabass und der Tenorsaxophonist Alexander „Sandi“ Kuhn den Landesjazzpreis Baden-Württemberg erhalten. Schuster bildet mit seinem melodischen Spiel ein solides Rückgrat für die fantasievollen Ausflüge von Gee Hye Lee und des gebürtigen Gmünders Kuhn. Rhythmisch souverän hält

„Eigenkompositionen und Lieblingsstücke“ haben sie angekündigt. Einiges von dem Eigenen hat das Zeug zum Lieblingsstück. Wie die „Schlafparalyse“. Mit dem Titel beschreibt Lee wie sie sich im „Lockdown“ 2020 gefühlt hat. Mit einer an Freejazz erinnernden Kakophonie steigt das Quartett ein, um dann somnambul in harmonischer Spannung zwischen monotonem Saxophon und nervös aufgeladener Begleitung weiterzuschreiten. Bis der angedeutete Alptraum von einem Basssolo förmlich weggestrichen wird.

Ohnehin ist der mit überraschenden Akzenten gegen den Strich gebürstete rhythmische und melodische Facettenreichtum ein Markenzeichen dieser Truppe. Hier der melancholische „coole“ Grundton im ebenfalls Corona geschuldeten „Another Paradise“, dort das wunderschön balladesk geblasene „Lawn“ (Rasen) der amerikanischen Pianistin Carla Bley. Womit das Quartett bei den Lieblingsstücken gelandet wäre. Auch ein Titel des 2005 mit der German Jazz Trophy wegweisenden kanadischen Trompeters Kenny Wheeler ist bei Kuhn in besten Händen.

Ganz entspannt und harmonisch beschreibt der Saxophonist dann zunächst sein „Sustainable Happiness“, sein nachhaltiges Glücksgefühl, bevor er sich fast die Lunge aus dem Leib bläst, um das Glück zu beschwören. Da passt das letzte Stück „Esperanza“ (Hoffnung) gut dazu. Ebenso die Zugabe „We are the world“ – ein Lieblingsstück für ganz viele. Die sich mit glücklichen Gesichtern auf den Heimweg machen.

Wolfgang Nußbaumer

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