„Wumm“ – eine Annäherung an das Eine

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Professor Kai-Uwe Schierz führt in das Schaffen von Dietrich Klinge (ganz rechts) und des südkoreanischen Malers Woo Jong Taek ein.
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Kunstverein Ellwangen zeigt im Schloss Plastik von Dietrich Klinge und Malerei von Woo Jong Taek.

Ellwangen. „Wumm!“ hat Manfred Baumhakl gedacht, als er vor zwei Wochen allein die Räume des Kunstvereins im Ellwanger Schloss betreten hat. Schlicht geplättet hat das Vorstandsmitglied die Kunst des Bildhauers Dietrich Klinge und des Malers Woo Jong Taek. Auch am gestrigen Sonntag dürfte es angesichts der spektakulären Schau bei den zahlreichen Vernissagegästen „Wumm“ gemacht haben.

Nach zwei Jahren des „Durchhungerns“ zeigt sich Baumhakl erleichtert und glücklich, endlich wieder eine Ausstellung mit einer Vernissage nebst Rede eröffnen zu können. „Endlich!“, ergänzt OB Michael Dambacher. Seit zwei Jahren amtiert er in Ellwangen – ohne bei einer Vernissage dabei sein zu können. Aber jetzt – endlich! „Schwer beeindruckt“ zeigt er sich von dem, „was der Kunstverein auf die Beine stellt“.

Kraft aus der Metaphysik

Wenn das spontane „Wumm!“ zwar kraftvoll, doch etwas prosaisch anmutet, so beziehen die einführenden Worte des Erfurter Kulturwissenschaftlers und Museumsleiters Professor Dr. Kai-Uwe Schierz ihre Kraft aus der Metaphysik. Ganz harmlos stellt er zunächst die Frage nach dem Verbindenden, wenn zwei Künstler ausstellen. Klinge schafft im Raum, Woo in der Fläche. Also Fehlanzeige? Mitnichten. „Es geht den Künstlern um das Erinnern an einen Anfang“, erklärt Schierz. Er charakterisiert ihr Tun in diesem Sinne als „archaisch“, als „das Ursprüngliche betreffend“. Für ihn ein ebenso kraftvoller Begriff wie „primitiv“, wobei er Sigmund Freud und die französischen Surrealisten als Zeugen bemüht.

Primitiv wie archaisch bedeutet indes einen Rekurs auf die „Kindheit der Menschheit“. Womit der Redner bei dem frühen römischen Philosophen und Neuplatoniker Plotin landet. Dieser hat das ungeteilte Eine propagiert, das Einfache, ohne das Komplexität nicht denkbar wäre. Dieses Eine jedoch ist schwer zu fassen, eine metaphysische Erscheinung. Gestaltlos. Schierz zieht eine Parallele zur hinduistischen und buddhistischen Philosophie, in der es ebenfalls eine gestalt- und formlose Leere gebe. Weil die Menschen indes versuchen, geistige Phänomene bildhaft dingfest zu machen, haben Künstler vom alten China bis nach Japan in ungegenständlichen Zeichnungen danach getrachtet, sie zu fassen.

In dieser Tradition sieht der Kulturwissenschaftler den in Seoul lehrenden Maler Woo Jong Taek. Er leistet insofern in seinen vom breiten schwungvollen Pinselstrich dominierten Wandbildern Erinnerungsarbeit, als es ohne Erinnerung an die Tradition nichts Neues gebe. „Ohne Erinnerung sind wir orientierungslos“, unterstreicht Schierz. Allerdings gebe Woo keine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung allen Seins – sondern nur Rätsel auf.

Formen aus alter Zeit

Eine entscheidende Gemeinsamkeit mit dem Bildhauer Klinge. Dieser verweise auf eine Distanz des Archaischen, indem er das Ursprüngliche und zugleich dessen Fremdartigkeit thematisiere. Am menschlichen Eindruck entlang arbeitend, versucht er ihm aus Assemblagen von bearbeiteten und dann in Bronze gegossenen Fundhölzern Gesicht und Gestalt zu geben. Diese wirken auf den Betrachter wie „Abbilder von Formen aus uralter Zeit“, so Schierz. Eine fortgesetzte Rekonstruktion des Ursprünglichen, das sich jedoch der Möglichkeit des Erinnerns notwendigerweise entzieht. Allerdings über alle Rätselhaftigkeit hinaus auch für sich selbst steht als Postulat intensivster ästhetischer Kraft. Kunst eben.

Wolfgang Nußbaumer

Die Ausstellung ist bis 28. November Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag von 10.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Am Sonntag, 24. Oktober, findet ein Künstler- und am Sonntag, 7. November, ein Galeriegespräch statt, jeweils 11 Uhr.

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