Zehn Schnäpse auf den Klimawandel

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"Natur": die Komödie des Landestheaters Schwaben in der Stadthalle Aalen.
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Landestheater Schwaben aus Memmingen in der Aalener Stadthalle: „Natur“ von Lukas Hammerstein.

Aalen Vor dem silbernen Vorhang stehen sechs Mimen und stellen die Figuren vor, die sie in den nächsten anderthalb Stunden geben werden. Der Vorhang geht auf, erster Act eine Skialpin-Pantomime auf einer schiefen Ebene, die in Eisblau über die ganze Bühne gestreckt und Spielort wie Bühnenbild zugleich ist. Eine Hüttenwirtin hat eingeladen: Politiker, Neonazi, Societygirl, eine Hoferbin, die mondäne Hüttenwirtin, eine Journalistin mit flinker Haltung und dann und wann ein weißer Yeti.

Die Handlung ist Nebensache, auch wenn es blutrünstig wird, als die Hüttengäste vom Yeti zum begleiteten Suizid geführt werden. Der Regisseur hat die Szene als eine Mischung aus mittelalterlichem Totentanz und Narrengericht angelegt. Dem Yeti hängt eine Metzgerschürze über dem puscheligen Ganzkörperfell, blutig wie des Schneemenschen Mund. Ein dramatischer Höhepunkt der 100 Minuten ohne Pause, eine saftige Szene, sinnfrei.

Die Damen und Herren kommen aus dem erweiterten Suizid alsbald zurück und sind weiter die Karikaturen von Menschen gegen die Natur und verlassen von der Natur. Meistens formiert sich das Ensemble zu einem Sprechchor. Es wird reflektiert und schwadroniert, satirisch überzogen und gekalauert. Das Partygirl klagt, viel zu viel „geflogen“ zu sein. Die Hoferbin aus Brandenburg bekennt stolz, den Hof ihrer Eltern in konservative Landwirtschaft zurückgeführt zu haben. „Wie schön“, schrillt die Journalistin, „da fliegt ein Geier, den es gar nicht mehr gibt“. -- „Nein, falsch, das ist eine Blaumeise“, maßregelt der junge Nazi. „Keinesfalls“, weiß die eingeborene Hüttenwirtin, „das ist doch eine Kohlmeise, damit Du’s weißt.“ Und wieder hat die Gruppe einen Grund, Schnaps zu trinken: auf den Berg, auf den Gletscher, auf das Wetter, aber niemals auf den Klimawandel, das Wort ist verpönt und führt zur Ablasszahlung in die Gruppenkasse, wenn es dem übergriffigen Bergfex oder dem rotbestrickten Expolitiker doch mal rausrutscht. Nach dem zehnten Enzian werden körperliche und mentale Wirkungen sichtbar, der Diskurs schwillt ab zu der treuherzig gestellten Frage: „Gehören die Leberwerte zur Natur oder sind die Zivilisation?“

Eine Uhr zeigt Stunde und Minute an, zu der der große Berg sich durch Felssturz zerteilen soll. Die Minute vergeht, nix passiert. Die menschlichen Karikaturen verziehen sich vorübergehend, die Hüttenwirtin bekommt vom mittlerweile wieder sauberen Yeti Flügel angehängt, was weder ihr noch der Geschichte weiterhilft. Das Ende naht, als das Ensemble, zum singenden Chor gereift, eine Adaption der Baum-Umarmer-Hymne der 70er Jahre singt („…mein Freund, der Berg…“). Donnergetöse signalisiert, dass der Berg jetzt kalbt, das Stück implodiert zu den Klängen der Zarathustra-Musik von Richard Strauss, zu eben jenem Thema, das im 2. Weltkrieg die Verlautbarungen der Wehrmacht eingeleitet hat.

Dezenter Schlussapplaus.

⋌Rainer Wiese

"Natur": die Komödie des Landestheaters Schwaben

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