Zum Brexit: „Farewell Britannia“

Im Gespräch mit Manuel Durão über die herbstliche Serenade des Collegium musicum der Oratorienvereinigung Aalen am 10. Oktober auf Schloss Kapfenburg.

Lauchheim

Jedes Jahr im Herbst lädt das Kammerorchester der Oratorienvereinigung Aalen, Collegium musicum, zu einer Serenade auf Schloss Kapfenburg ein. Auch unter Pandemiebedingungen hat das Streichorchester mit seinem künstlerischen Leiter Manuel Durão zusammengehalten und so lange online geprobt, bis auch endlich wieder Präsenzveranstaltungen stattfinden konnten. Bei einer intensiven Probenphase im Kloster der Franziskanerinnen in Dillingen haben die Musikerinnen und Musiker ein anspruchsvolles Programm unter dem Titel „Farewell Britannia“ erarbeitet. Und – ganz so, wie man es vom Orchester gewohnt ist - gibt es auch ein ganz besonderes Stück: „Embraced by Sand“ von Imke Mechthild Redecker kommt zur Uraufführung. Manuel Durão gibt Einblicke im Interview.

Lieber Herr Durão, Sie sagen mit dem Programm „Bye Bye“ zu Großbritannien und spielen damit auf den Brexit an. Ein durch und durch englisches Programm mit Komponisten wie Henry Purcell, Ralph Vaughan Williams und Edward Elgar. Darf man daraus schließen, dass Sie diese Musik sehr mögen, mit und ohne Brexit?

Manuel Durão: Der Brexit war nur eine kleine Ausrede, um Musik zu spielen, die mich besonders bewegt. Die Werke von Purcell, Vaughan Williams und Elgar gehören zum Weltkulturerbe. Und der Brexit wird nichts daran ändern.

Sie selbst sind ja Portugiese…

Ja, vielleicht fühle ich deswegen eine besondere Nähe zur englischen Musik. Man spürt darin die Kraft des Atlantiks, die in mir eine besondere Sehnsucht erweckt. Ich wurde 1987 in Lissabon geboren. Portugal war ein Jahr zuvor der Europäischen Union beigetreten. Ich gehöre also zur ersten Generation von Portugiesen, die als EU-Bürger auf die Welt kam. In Portugal studierte ich Komposition und lernte Dirigieren in den Sommerkursen von Jean-Sébastien Béreau, dem ehemaligen Professor für Dirigieren am Pariser Conservatoire. Später brachte mich das Erasmus-Programm nach Deutschland. An der Leipziger Musikhochschule setzte ich mein Studium fort. Dort unterrichtete ich sieben Jahre lang. Gegenwärtig lebe ich in Stuttgart, arbeite als Komponist, insbesondere im Bereich des Musiktheaters, und unterrichte Musiktheorie an den Musikhochschulen Nürnberg und Heidelberg.

Wo sind die Glanzpunkte in den Kompositionen, worauf haben Sie aus Dirigentensicht besonders viel Wert gelegt?

Jede Komposition glänzt auf ihre Art. Purcells Chaconne ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie scharfe Dissonanzen die Musik würzen. Purcell setzt wiederum die musikalischen „Gewürze“ meisterhaft ein, um Spannung aufzubauen. Mit jeder Variation des Bassthemas kommen neue, kühne Ideen hinzu. Vaughan Williams schafft mit seiner Charterhouse Suite eine Neubelebung von längst verklungenen Volkstänzen. Man hat dem Eindruck, dass er die Folklore neu erfinden möchte. Dafür setzt er seine frische Harmonik und eine melodische Fortspinnungskunst ein. Alles klingt natürlich und ungezwungen. Elgars Serenade, die das Programm beschließt, ist ein Monument der musikalischen Eleganz. Insbesondere im lyrischen zweiten Satz ist zu hören, wie jede Orchesterstimme mit ausdrucksvoller Melodik zum perfekt ausgewogenen Zusammenklang beiträgt. Jeder Seufzer ist da, wo er hingehört. Jede Kontrapunktstimme wird mit unübertrefflicher Schönheit geführt. Es sind drei sehr unterschiedliche Stücke, aber jedes ein Meisterwerk aus seiner Epoche.

Nun bietet dieses Konzert mit dem Collegium musicum, das Sie nun seit zwei Jahren leiten, eine Besonderheit: die Uraufführung des Stücks „Embraced by Sand“. Wie kommt es dazu?

Imke Redecker, die ursprünglich aus Namibia stammt, studiert zurzeit in Leipzig. Ich weiß sehr gut, wie wichtig es für einen jungen Komponisten ist, dass die Werke zur Aufführung kommen. Als ich selbst Student war, hatte ich viele Gelegenheiten, meine Musik vor Publikum zu präsentieren. Mit jeder Uraufführung lernt man etwas Neues über sich selbst. Man schärft das Gehör und verwirft Ideen, die sich in der Praxis nicht bewähren. Das wollte ich jetzt der nächsten Generation auch ermöglichen. Darum habe ich Imke Redecker eingeladen, ein Stück für das Collegium musicum zu komponieren. Es geht dabei um ihre ganz persönliche Beziehung zur Wüstenlandschaft ihrer Heimat.

Die musikalischen Herausforderungen dieses Stücks liegen sowohl in den Harmonien, als auch in den Rhythmen. Wie haben Sie es geschafft, das Orchester richtig „einzustimmen“?

Auf der Partitur von Redecker habe ich notiert: „patience and grace“, soviel wie „Geduld und Grazie“. Das sind Worte der Komponistin selbst. Redeckers Musik ist äußerst empfindsam. Jede kleine Verstimmung verwischt das Bild. Wir müssen sehr kleinteilig arbeiten, um den Reichtum der Harmonien zu entdecken und den Schwung der Rhythmen zu verinnerlichen. Die Metapher der Wüste hat uns dabei sehr geholfen. Was sich zunächst als karge Landschaft zeigt, ist beim genaueren Hinschauen doch voller Farbspiele, sanfter Bewegungen aber auch kräftiger Sandstürme. In jede Tonbewegung stecken Emotionen. Unsere Aufgabe als Orchester ist – wie sonst auch mit jedem anderen Musikwerk – diese als Klang zu verwirklichen.

Info: Herbstliche Serenade Collegium musicum „Farewell Britannia“ am 10.Oktober, 15 und 17 Uhr auf Schloss Kapfenburg Trude-Eipperle-Rieger-Konzertsaal

Karten im Vorverkauf bei MusikA, Bahnhofstraße 1 und 3 (07361) 55810 und unter reservix.de

Beim Konzert gibt Manuel Durão eine Einführung in das Werk von Imke Mechthild Redecker.

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare