Zur Unmündigkeit ist es nicht weit

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„Mein Hirn bekommt ihr nicht!“ Theo Glass (Markus Michalik) begehrt gegen seinen persönlichen Assistenten auf, der ihn durchleuchtet und alles weiß.
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Die Württembergische Landesbühne Esslingen beleuchtet die Macht digitaler Konzerne

Schwäbisch Gmünd. „Endlich geht’s los“, mit diesen Worten begrüßte Ralph Häcker rund 100 Zuschauer im Stadtgarten – alle entweder genesen, getestet oder geimpft – zum ersten Theaterabend nach mehr als acht Monaten Lockdown-Pause. Als große Ehre wertete der Schwäbisch Gmünder Kulturamtschef, dass auch Intendant Friedrich Schirmer zugegen war – ein Zeichen für die Bedeutung der Kultur in schwierigen Zeiten. Ein Blick auf den Spielplan „Unterwegs“ der Württembergischen Landesbühne WLB zeigt, dass es bislang noch nicht viele Gastspiele gibt – umso größer die Freude, dass die Esslinger im Stadtgarten Station machten, mit einem Stück, das es in sich hat.

„Die Mitwisser, eine Idiotie“, nennt Autor Philipp Löhle das 80-minütige Theaterstück, wobei nicht klar ist, auf wen sich die Idiotie bezieht: Macht das Internet, das über alles Bescheid weiß, dumm, oder ist es selbst irgendwie idiotisch, weil es ungefragt und ohne Maß und Reflexion Wissen ausspuckt? Betrachtet man die Herren Kwants, sie sind die Mitwisser und personifizieren das World Wide Web, ist das Wort „Fachidiot“ jedenfalls nicht abwegig.

Ins Haus geholt ist der persönliche Assistent schnell; die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ein ellenlanges Dokument, werden nur kurz überflogen, und schon hat er sich im Hause Glass eingenistet. Theo, der als Senior Enzyklopädist im Institut des allgemeinen Wissens arbeitet, ist hingerissen, seine Frau Anna hingegen genervt. Doch schnell erliegt der Mikrokosmos bestehend aus dem Nachbarn und den Kollegen sowie der Chefin den Alleswissern, und es wimmelt bald von Kwants.

Doch die Folgen sind verheerend: Da der Assistent alles kann und weiß, wird Theo wegrationalisiert. Die Frage, wer nun alles überprüft, bleibt unbeantwortet. Der Mensch wird gläsern, und jede noch so kleine Unart, in der Nase popeln etwa und den Popel in der Hosentasche verschwinden lassen, ist im Netz festgehalten. „Es gibt Dinge, von denen man nicht will, dass andere sie sehen“, sagt Theo. Doch zu spät, das Netz vergisst bekanntlich nichts. Unheimlich wird es, als Herr Quant noch vor Theo und Anna weiß, dass sie schwanger ist – das Einkaufsverhalten lässt darauf schließen. Nur dumm, dass Herr Quant weiß, dass Theo nicht der Vater ist.

Für manche tun sich neue Geschäftsfelder auf, die Kollegin Sabrina wird als Babsi Bunt Influencerin, die Leute wollen schließlich beeinflusst werden. Bankgeschäfte online und bei Neuigkeiten angestupft werden, all das findet sie super.

Theo, famos von Markus Michalik gespielt, hingegen wird immer kritischer: „Sie sehen alles vorher, sie machen alles kaputt, sie treiben dich in die Unmündigkeit.“ Als Pfeifenbläser, so das deutsche Wort für Whistleblower, will er die Menschen aufrütteln. Vielleicht ist noch nicht alles verloren, denn mit Begriffen wie „freier Wille“ bekommt er die da oben in der Cloud in die Bredouille, weil sie nicht verstehen, was das ist.

Der Schluss stimmt optimistisch, wenn er kämpferisch hoch zur Cloud ruft: „Ihr könnt nicht alles steuern.“ Birgit Markert

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