Zwei "radikale" Hauptfiguren - Verena Güntner liest aus ihren Romanen

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Die Trägerin des Schubart-Literatur-Förderpreises bei ihrer Lesung im Kulturbahnhof im Gespräch mit dem Leiter der Stadtbibliothek Michael Steffel.
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Die gebürtige Ulmerin hat den Förderpreis des Schubart-Literaturpreises gewonnen. Wie sie im Kulturbahnhof ihre Arbeit vorstellte. Von Dagmar Oltersdorf

Aalen. Ihre literarische Sprache ist kraftvoll, nichts für feine Gemüter und nimmt einem mitunter den Atem. Ihre Figuren handeln selbstbestimmt, fernab von Opferrollen. Am Mittwochabend war die Autorin Verena Güntner zu Gast bei der Kulturreihe "Wortgewaltig" im Kulturbahnhof Aalen. Nicht nur ihr mit dem Förderpreis des Schubart-Literaturpreises ausgezeichneten Roman "Power" hat sie zur Lesung mitgebracht. Sondern auch ihr Erstlingswerk "Es bringen" von 2014. Dem Publikum präsentierte sie mit diesen zwei Werken gleich zwei starke Hauptfiguren. Im Gespräch mit dem Leiter der Stadtbibliothek Michael Steffel ging es aber nicht nur darum.

Verena Güntner ist Schauspielerin. Sie hat diese Kunst am Mozarteum in Salzburg erlernt. Auch deshalb schafft sie es scheinbar mühelos, ihre Figuren ganz nah an den Zuhörer zu bringen.  Den 16-jährigen Luis in den Saal, fast neben einen auf den Stuhl zu setzen. Ein Bild von ihm zu schaffen, ganz ohne Beschreibung seines Äußeren. Man will Einhalt gebieten, wenn er sich mit seinem Kindermesser die Haut abschabt. Ihn aufhalten, wenn er auf dem Nebelhorn gegen seine Höhenangst trainiert. "Weil man sich mit dem Luis auch vertun kann", habe sie diese Passagen gewählt, erklärt die Autorin im Gespräch mit Steffel. Eigentlich sei Luis von seiner Herkunft her aus dem 15. Stock eines Plattenbaus ein "Opfer". "Er nimmt diese Rolle aber überhaupt nicht an", so Güntner. Habe aber auch eine andere Seite. Sie habe die Figur drauf losgeschrieben, und hätte noch "jahrelang weiterschreiben können", über einen, der sich selbst "empowert", erzählt die Autorin. 

Kinder, die sich selbst "ermächtigen"

"Power" heißt der zweite Roman von Verena Güntner von 2020. Auch hieraus liest sie einige Passagen - es geht um die 11-Jährige Kerze, die den Hund einer Dorfbewohnerin wiederfinden will. Eine Gruppe Kinder schließt sich ihr an -  eines nach dem anderen  - die alle im Laufe des Romans wie Hunde handeln und leben, im Wald verschwinden und nicht mehr wiederkommen. 

"Welche Beherrschung der indirekten Rede", lobt Steffel den Roman. Er aber sie mit der Hauptfigur Kerze "nicht so richtig warm geworden." Sie sei zwiespältig angelegt, wolle führen und führe auch. "Ich wollte sie nicht zum Fall werden lassen", erklärt Güntner dazu. Der Blick auf Kinder sei oft verklärt, wie Kerze könnten sie sich aber erwachsen verhalten, starken Willen zeigen. Kerze gehe noch weiter als Luis, sei radikaler, nicht so spielerisch.  Es gehe aber in ihren beiden Romanen um Kinder, die sich "selbst ermächtigen."

"Ich habe in beide Bücher alles reingegeben", sagt die Autorin. Der Ablöseprozess von ihren Werken und Figuren wachse aber mit jeder Lesung. Ob sie noch einmal auf der Bühne stehen würde, sei fraglich, antwortet sie auf Steffels Frage. Sie sei der "strukturellen Hierarchien und des strukturellen Sexismus" müde geworden. Nun könne sie über alles selber bestimmen.

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