Zwischen Hummelflug und Notfallsirene

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Ein schrilles Teil der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina haben die Musikerinnen und Musiker in Ellwangen gespielt.

Das Minguet Quartett verlangt höchste Aufmerksamkeit des Auditoriums und begeistert in Ellwangen.

Ellwangen. Dieses Quartett ist mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Ob Klassik oder Moderne, was die beiden Streicherinnen und ihre Kollegen ihren Instrumenten entlocken, überzeugt auf der ganzen Linie. Zwischen zwei Beethovenkompositionen hat das Minguet Quartett bei seinem von Stiftsbund und Stadt veranstalteten Ellwanger Schlosskonzert als Kontrastprogramm ein schrilles Teil der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina gepackt.

Bedrohliche Düsternis

Das Streichquartett Nr. 1 der renommierten Tonsetzerin sorgt in der Pause für Diskussionsstoff. „Spannend“ lautet der kleinste gemeinsame Nenner. Klar ist eines, diese Partitur muss man lupenrein intonieren, damit das „Schräge“ nicht falsch klingt. Der 1. Geiger Ulrich Isfort, Annette Reisinger an der 2. Violine, Aida-Carmen Soanea auf der Viola und Matthias Diener am Cello bewegen sich zielgenau zwischen Hummelflug und Notfallsirene, zwischen höchsten Isforthöhen und tiefem Dienergesang. Garniert mit kollektivem Pizzicato, bevor sich die Vier mit Streicherwucht von der Klippe stürzen. Wenn man sich eingehört hat, umhüllt einen diese Interpretation mit bedrohlicher Düsternis.

Beschwingte Figurübung

Im Vergleich mit dem späten Streichquartett op. 131 klingt das frühe op. 18 Nr. 2 wie eine beschwingte Fingerübung. Wobei auch hier schon sehr flinke Finger gefragt sind. Mit seinem Beinamen „Komplimentierquartett“ erinnert es an eine Komposition gleichen Namens von Joseph Haydn. Beethoven hat sich damit sicher keinen musikalischen Scherz erlaubt, tierisch ernst hat er das Spiel, Erwartungen zu düpieren, vermutlich auch nicht genommen. Das Adagio cantabile singt das Ensemble gefühlvoll aus, um das Wohlbehagen mit einem sich nahtlos anschließenden Allegro zu stören.

Im vierten Satz beherzigen die Streicher die Anweisung „quasi Presto“ aufs Wort und mit spielerischer Verve.

Glasklare Tonbildung

Von ganz anderem Gewicht ist das op. 131. Nicht nur wegen seiner organisch ineinandergreifenden sieben Sätze. Im eröffnenden und nachhaltig gefühlvollen Adagio glänzt Ulrich Isfort einmal mehr mit seiner erlesenen, glasklaren Tonbildung. Sie findet im sonoren Cellogesang ihren klanglichen Gegenpol. Was Beethoven hier an kompositorischer Innovationskraft an den Tag legt, greift weit hinaus. Und denkt man nur einmal an das Pizzicato durch alle Streicher, fallen einem gleich die kurz zuvor gehörten Zupfattacken von Sofia Gubaidulina ein.

Komplexes Tongerüst

Virtuos spielt der Komponist mit Gegensätzen der Tempi und Emotionen, mit der Abfolge von kurzen und langen Sätzen. Dem Forte macht er mit einem marschartigen Motiv Beine. Nichts langsam Getragenes ohne raschen Widerpart und umgekehrt. Ein komplexes Tongerüst mit mannigfaltigen Bezügen, das dem Auditorium höchste Aufmerksamkeit abverlangt. -uss

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