20 Jahre nach dem Anschlag: Redakteure erinnern sich an den 11. September

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Heute erinnert ein Denkmal an die Opfer der Anschläge.

Redakteurinnen und Redakteure von SchwäPo und Gmünder Tagespost erinnern sich an den Tag, der sich ins kollektive Gedächtnis der westlichen Welt einbrannte.

Katharina Scholz, Redakteurin:

Redakterin Katharina Scholz war während der Anschläge 14 Jahre alt.

Für mich war das der Tag, an dem ich begonnen habe, mich wirklich für Nachrichten zu interessieren, für Politik und Zusammenhänge in der Welt.“

Katharina Scholz

Am 11. September 2001 war ich 14 Jahre alt und auf dem Ostalb-Gymnasium gerade in die 9. Klasse gekommen. Es war ein Dienstag. Ich war nachmittags zuhause und habe durchs Fernsehprogramm gezappt, anstatt Hausaufgaben zu machen. Alle Sender haben nach New York geschaltet, als der erste Turm in Flammen stand. Noch wusste keiner, was geschehen war. Live habe ich auf dem Bildschirm gesehen, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Turm flog. Für mich war das der Tag, an dem ich begonnen habe, mich wirklich für Nachrichten zu interessieren, für Politik und Zusammenhänge in der Welt. Weil ich noch so jung war, kann ich darüber hinaus nicht sagen, dass sich etwas für mich verändert hätte. Andere mögen sich daran erinnern, wie es war, ohne sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen in die USA zu fliegen oder wie es war, keine Angst vor Terroranschlägen zu haben. Ich kann es nicht.

Michael Länge, Redaktionsleiter der Gmünder Tagespost:

Michael Länge war kurz vor den Anschlägen selbst in New York.

Wir konnten gar nicht glauben, was wir da sahen.“

Michael Länge

Am 11. September 2001 war ich in der Redaktion in Gmünd, am 7. September aber noch in New York. Wir waren, meine Frau, meine Söhne, damals 9 und 7, und ich, drei Wochen in den USA. Am 7. September sind wir vom JFK-Airport zurückgeflogen, überquerten auf dem Weg zum Flughafen die Verrazano Bridge, die Staten Island und Brooklyn miteinander verbindet, und ich sagte zu den Jungs: Schaut mal da rüber, da seht ihr die Twin Towers nochmal. Vier Tage später sahen wir, in der Redaktion und zuhause, wie die Türme in sich zusammenstürzten. Wir konnten gar nicht glauben, was wir sahen. Das war ein fürchterlicher Schock. Wir haben noch am 11. September mit unseren Freunden und Verwandten in New Jersey und Manhattan telefoniert. Für die Leser haben wir ein Extrablatt produziert. Und danach haben wir mit der Gmünder Feuerwehr eine Aktion gestartet. Alle Feuerwehrleute und GT-Mitarbeiter haben für Familien von Opfern von 9/11 gesammelt. Den Geldbetrag hat die New Yorkerin Jane Klaus, die mit ihrem Mann Volkmar in Spraitbach lebt, in eine Feuerwehrstation in Downtown Manhattan gebracht. Etwa eineinhalb Jahre später erhielten wir ein Fax von einer Witwe eines Feuerwehrmannes. Dieses habe ich noch heute. Die Frau bedankte sich für die kleine finanzielle Unterstützung für ihre Familie. Aber ich glaube, zumindest lese ich das Fax heute noch so, dass die Anteilnahme, dass Menschen den Schmerz teilen, viel wichtiger war als das Geld.

Gerhard Königer, Redakteur:

Gerhard Königer war fünf Jahre nach den Anschlägen mit Ellwanger Soldaten in Afghanistan.

Bis zum Redaktionsschluss sind beide Türme eingestürzt, tausende Menschen getötet und die Welt ist eine andere.

Gerhard Königer

Ein ganz normaler Dienstag in der Redaktion Ellwangen, bis kurz vor 12 Uhr der Kollege Peter Steinhülb von der Anzeigenabteilung in das Büro tritt und sagt: „Schaut mal ins Internet. Da ist in New York irgendwas im Gange.“ Mit den Bildern des ersten brennenden Turms beraten, wie dieses Geschehen im Lokalteil stattfinden kann. Redaktionsleiter Bernd Hirschmiller nimmt Kontakt auf mit seinem Volleyballkameraden Jürgen Schwenk, der mit seiner Familie in New York lebt, Praktikant Wolfgang Spang telefoniert mit einem Kommilitonen, der in den USA studiert, während sich Fred Ohnewald und ich um den Seitenaufbau kümmern. Während auf allen Bildschirmen zu sehen ist, wie das zweite Flugzeug einschlägt, erfahren wir von der Familie Schwenk, wie die Anschläge das öffentliche Leben in der Stadt zum Erliegen bringen und wie die Medien in den USA berichten. Zeitweise ist von einem Dutzend entführter Flugzeuge die Rede. Bis zum Redaktionsschluss sind beide Türme eingestürzt, tausende Menschen getötet und die Welt ist eine andere. Jedem in der Redaktion ist klar, dieser Terrorangriff würde auch Folgen für Europa und die Bundesrepublik haben. Die Auswirkungen für mich persönlich: Fünf Jahre später konnte ich auf Einladung der Bundeswehr nach Afghanistan fliegen und Soldaten aus Ellwangen in Kundus und Kabul begleiten.

Jürgen Steck, Redaktionsleiter der Schwäbischen Post:

Jürgen Steck wurde von der Nachricht in der Redaktion überrascht.

Als wir uns sortiert haben, machten wir das, was wir können: die Leute informieren. 

Jürgen Steck

Damals war ich Redakteur bei der Gmünder Tagespost und kam gerade von einem Termin bei zurück in die Redaktionsräume. Dort standen die Kollegen vor dem uralten Blaupunkt-Fernseher dort. Mir wurde erzählt, dass ein Flieger, eine Cessna vielleicht, ins World Trade Center gekracht ist, man aber noch nicht wisse, was genau los ist. Es herrschte große Aufregung, von der auch ich angesteckt wurde. Wir gierten nach Nachrichten, aber die Informationslage war komplett unklar. Als wir uns sortiert haben, machten wir das, was wir können: die Leute informieren. In Zeiten ohne Internet ging das mit einem Extrablatt. Wir besorgten uns die Informationen, die wir verwenden konnten und fotografierten, wohl komplett illegal, Bilder vom Fernseher ab. Während wir das Extrablatt durch unser altes Kopiergerät jagten, gingen schon die ersten Kollegen mit den ersten Exemplaren los und drückten Leuten am Bahnhof und auf dem Marktplatz das Extrablatt in die Hand. Die Menschen waren für die Informationen sehr dankbar. Und wir hatten das Gefühl, irgendwie etwas getan zu haben, obwohl das der Ohnmacht schon überwog.

Dagmar Oltersdorf, Redakteurin:

Dagmar Oltersdorf schaudert es heute noch, wenn sie an die Anschläge denkt.

Bis nach Mitternacht schaute ich jede Nachrichtensendung auf mehreren Kanälen.

Dagmar Oltersdorf

Ich werde diese Bilder nie vergessen. Schon im Mutterschutz und ziemlich schwanger schaute ich, immer noch süchtig nach Nachrichten, um 15 Uhr die Tagesschau in der ARD. Dort gab es die erste Meldung und auch das Video, das zeigte, wie ein Flugzeug in das World Trade Center rast. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass das Terror war. Dann ging es Schlag auf Schlag weiter, es wurde immer grauenvoller. Bis nach Mitternacht schaute ich jede Nachrichtensendung auf mehreren Kanälen. Es war unfassbar, was noch alles geschah. Mich schaudert es heute noch, wenn ich daran denke.

Bea Wiese, Redakteurin:

Bea Wiese wurde bei einem Treffen mit Freunden von der Nachricht überrascht.

Wir machten uns auf den Heimweg und saßen bis tief in die Nacht vorm Fernseher.

Bea Wiese

Im Herbst 2001 arbeitete ich als Reporterin für den damaligen Sender ORB in Cottbus. Und war ausgerechnet dem Tag nicht im Fernsehstudio, sondern hatte frei, saß nachmittags mit meinen damals ein- und fünfjährigen Töchtern mit einer Freundin beim Kaffee. Auf deren Gutshof mitten in der Lausitzer Pampa, 80 Kilometer weit weg von Berlin. Mein Mann rief an: „Macht unbedingt den Fernseher an!“ Gerade als wir anschalteten, knallte das zweite Flugzeug ins World Trade Center. Mein sonst so unerschrockener Mann rief wieder an: „Mir wäre wohler, wenn Ihr nach Hause kämet. Das sieht nach Krieg aus, Berlin ist nicht weit weg, und wer weiß, was heute noch in anderen Hauptstädten passiert.“ Wir machten uns auf den Heimweg und saßen bis tief in die Nacht vorm Fernseher.

Manfred Moll, Redakteur:

Manfred Moll kam von einem Termin, als er von der Nachricht erfuhr.

Zuerst dachte ich, dass es vielleicht ein verunfallter Hobbyflieger ist. 

Manfred Moll

Ich kam damals von einem Termin zurück in die SchwäPo-Redaktion. „Hast du das schon gehört? Da ist ein Flug zeug ins World Trade Center geflogen“, sagte ein Kollege. Zuerst dachte ich, dass es vielleicht ein verunfallter Hobbyflieger ist. Was wirklich passiert ist, wurde mir erst später klar. Es war eine sehr außergewöhnliche Situation in der Redaktion. Wir haben schließlich ein Extrablatt gemacht, dass wir am Bahnhof und in der Innenstadt verteilt haben. Ein paar Tage später war ich im Urlaub und eigentlich bin ich dann ein Nachrichtenvermeider. Aber ich weiß noch, dass wir in dieser Zeit trotzdem oft vor dem Fernseher saßen.

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