Aalens Historie an der Fassade

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Mit Pinseln in den Händen erzählen die Mitglieder des Vereins "Kollektiv K" an einer Hauswand der Aalener Rittergasse die Stadtgeschichte.

Mit einem Bleistift zieht Tobias Kerger eine schwarze Linie über die Hauswand. Gestern hat der Künstler gemeinsam mit seinen Mitstreiterinnen und Mistreitern eine Nachtschicht eingelegt. Er wirft den Kopf in den Nacken und betrachtet das Gebäude in der Aalener Rittergasse eingehend. 200 Quadratmeter Malerei, Mosaikkunst und Büsten fallen dem Betrachter ins Auge. Was einst ein altes Lager im Zentrum von Aalen war, wird gerade vom Verein "Kollektiv K – jungen Menschen" zu einer visuellen Erzählung der Stadtgeschichte umgestaltet.

Die Mittagshitze brennt unerbittlich auf Jakob Arold, Mark Keller, Marie Kubitza, Lukas Keresman, Tobias Holzinger & Co., die Sachen herumschleppen oder mit Pinseln beschäftigt sind, um den Geschichten auf der Fassade Leben einzuhauchen. Tobias Kerger geht dann ins Café Wunderlich, um aus dem ersten Stock auf die gegenüberliegende Wand und die emsigen Vereinsmitglieder zu schauen. "Das ist wie ein weißes Stück Papier, das steht einfach nur da – geradezu eine Einladung, es zu bemalen."

Kerger ist der Initiator des Projekts und erinnert sich zurück, als er vor einem Jahr das Lager begutachtet hat. Mit dem ehemaligen Bürgermeister Wolf-Dietrich Fehrenbacher diskutierte er die Idee. Der vermittelte zum Hausbesitzer – und dieser gab sein Okay, dass das Haus bemalt werden darf.

Dann kam die Coronazeit, der große Lockdown. Den nutzte der Student aus Leipzig, um das erste große Projekt mit dem Kollektiv K in Angriff zu nehmen.

Auf der Zugfahrt nach Aalen beginnt er mit den ersten Skizzen für das Haus. "Es war mir zu einfach, irgendetwas dort drauf zu malen", sagt er. "Warum weiß ich so wenig über die Geschichte meiner eigenen Stadt?" Diese Frage stellt sich der Student immer wieder und beschäftigt sich anschließend intensiv mit der Historie von Aalen. Nach tagelanger Planung hat Tobias Kerger ein Konzept für die Wände erarbeitet. Er klärt das Offizielle mit Stadt und Planungsamt ab und bekommt grünes Licht.

Seit Anfang Juli ist das Team vor Ort. Literweise Farbe später sieht man inzwischen mehr von der Vision des Kollektivs: Der große Stadtbrand, die letzte Hinrichtung auf dem Galgenberg oder das Römerkastell. All diese Orte und Ereignisse sind mit feinem Pinselstrich an die Hauswand gemalt.

Die Herangehensweise ist sehr klassisch, Bordüren und Ornamente – Kerger hat sich Aalen genau angeschaut. "Stilistisch eine Kollage der Stadt", bezeichnet er es. Besonders gerne mag er den Aalener Spion, als Heldenfigur, als Stadtwächter und -retter – oder wie er ihn nennt: "Hoffnungsträger".

Der abgebildete Zeitraum geht bis in die Digitalisierung Aalens, endet also mit dem Ist-Zustand. Eins möchte Tobias Kerger nicht abbilden: "Ich verweigere mich dem Blick in die Zukunft. Jeder Mensch soll einen Anreiz haben, selbst darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen könnte", sagt er und schnappt sich wieder seinen Bleistift und geht nach draußen.

Das ist wie ein weißes Stück Papier.

Tobias Kerger Initiator des Projekts

Mit einem festen Kern von sechs Leuten arbeitet das Kollektiv K an der Gestaltung. "Ohne das Team würde es gar nicht gehen", sagt Kerger, der zufrieden ist mit dem Ablauf, denn große Hürden hat es bisher noch nicht gegeben.

"Wenn jemand eine neue Idee hat und es passt, machen wir das", gibt sich der Konzept-Entwickler flexibel. Zahlreiche Unterstützer seien dabei, die mit Sachspenden wie Farbe oder auch Nudeltellern für ein Mittagessen die Arbeit des Kollektiv K unterstützen. Auch die Stadt Aalen hat eine Förderung angekündigt, wenn das Projekt fertig ist.

Wann das sein wird? Das wissen die jungen Künstler, die einen Altersschnitt von 25 Jahren haben, selbst noch nicht. Doch wer in der Rittergasse vorbeigeht, erkennt dort schon einige Motive.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann das direkt vor Ort oder im Internet machen: www.kollektiv-k.net

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