Armenien zwischen Schönheit und Leid

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Landrat Klaus Pavel und Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold erfahren die Kontraste des Landes zwischen der Türkei und Aserbaidschan. Die Not erschüttert.

Schwäbisch Gmünd

Armenien ist schön. Unbeschreiblich schön. So schön, dass, wer Armeniens Leid nicht sehen will, sich von Schönheit blenden lassen kann. Vom 2000 Meter hoch gelegenen Sevansee. Vom fruchtbaren Ararattal mit Weinreben und Aprikosenbäumen. Von der Weite der Landschaft. Vom Ararat, dem heiligen Berg der Armenier. In dem sie die Arche Noah erkennen. Mit dem der Schmerz der Armenier beginnt. Denn der Ararat liegt auf türkischem Boden. Hinter Stacheldraht. Für Armenier unerreichbar. Der Schmerz setzt sich fort. In nordarmenischen Städten wie Gymri oder Vanadzor. Die noch heute gezeichnet sind von den Folgen des schweren Erdbebens im Jahr 1988. Dort treffen Ostalb-Landrat Klaus Pavel, Schirmherr der Armenienhilfe "Küche der Barmherzigkeit", und Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold auf Lianna Vardumyan. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Blechcontainer. Zwei Zimmer. Kleine Küche. Holzofen. Zugig. An manchen Stellen regnet es durchs Dach. So wie Familie Vardumyan lebt, leben in Nordarmenien 4000 weitere Familien. 28 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben.

Pavel und Arnold, die mit vier Gmünder Stadträten und Vertretern des Deutschen Roten Kreuzes Baden-Württemberg in Armenien unterwegs sind, begegnen in Gymri, Armeniens zweitgrößter Stadt, Familien, die in großer Not sind. Elisa Haytyan lebt mit vier Kindern in einer kleinen, dunklen Wohnung. Ihr Mann sitzt in Russland im Gefängnis. Die Frau muss schauen, wie sie die vier Kinder durchbringt. Vom Staat bekommt sie 90 Euro Unterstützung. Von den Gästen aus Deutschland an diesem Tag ein Paket mit Öl, Reis, Schokolade, Kondensmilch, Zucker – mit haltbaren Lebensmitteln. Familie Avdalyan lebt ein paar Straßen weiter. Von 70 Euro. Allein 20 Euro bezahlen die Eltern und vier Kinder für die Miete. Für zwei Zimmer in einem Hinterhaus in Gymri. Seit 14 Jahren unterstützt die "Küche der Barmherzigkeit" ein Kinderprojekt in Gymri, erläutert Pfarrer Karl-Heinz Scheide den deutschen Gästen. Die Kinder und ihre Familien, die davon profitieren, gehören zu den 250 Kindern und Jugendlichen, die von der Armenienhilfe einen Zuschuss für ein warmes Essen bekommen. 70 Cent pro Tag und Kind.

Scheide begeistert wie kaum ein anderer.

Klaus Pavel, Landrat

Zwischen Schönheit und Leid – Pavel und Arnold spüren diesen Zwiespalt an diesem Tag. Und sie drücken ihn aus. Das armenische Volk habe eine interessante Geschichte, mit viel Freude, aber auch mit viel Leid, sagt der Landrat nach den Besuchen Bedürftiger in Nordarmenien. Offensichtlich sei das Erdbeben von 1988 bis heute nicht verarbeitet. Deshalb freut sich Pavel, dass gerade aus dem Ostalbkreis heraus die "Küche der Barmherzigkeit" entstanden ist. Mit einem Menschen "an der Spitze, der wie kaum ein anderer andere Menschen begeistern kann", würdigt Pavel Karl-Heinz Scheides nunmehr 14 Jahre währendes, unermüdliches Engagement. Deshalb werde auch er nicht nachlassen, die Armenienhilfe weiter zu unterstützen.

Das sagt auch Gmünds Oberbürgermeister zu. Die "Küche der Barmherzigkeit" steht für Arnold auch für die "intensiver gewordenen Beziehungen zwischen Deutschland und Armenien". An solchen Beziehungen sei Deutschland interessiert, sagt er. Und betont, dass man dabei "Nächstenliebe und Menschlichkeit nicht vergessen" dürfe.

Gut 100 Kilometer weiter, in Thalin, treffen Pavel und Arnold auf Bürgermeister Aramyan Sargis. Vom Erdbeben hat Thalin nicht viel gespürt. Die Stadt hatte zu Zeiten der Sowjetunion noch Industrie. Und 14 000 Einwohner. Heute sind es noch 7000. 70 Prozent sind arbeitslos. Auch in Thalin unterstützt die "Küche der Barmherzigkeit" 25 Kinder und ihre Familien. Zwei Familien leben im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Wasserwirtschaft. In den wenigen Räumen, in die kein Regen dringt. Ein paar Häuser weiter Familie Manukjan. Der 54-jährige Vater, die 40-jährige Mutter, sechs Söhne. Die Eltern haben keine Arbeit. Die Familie lebt von knapp 40 Euro im Monat. Zwei Söhne, Dawid und Aram, wollen eine Malschule und eine Sportschule besuchen. Das geht nicht – mit 40 Euro zum Leben.

Die Nächstenliebe nicht vergessen

Richard Arnold, Oberbürgermeister

Ein Tag später die Eröffnung der 23. Saison der "Küche der Barmherzigkeit". Pavel und Arnold begegnen im "Haus der Hoffnung" alten Menschen, die Suppe, Brot und ein Glas Wein bekommen. Sie hören ihre Geschichten. Ihr Leid. Weshalb sie in die Suppenküche kommen – müssen. Und sie bekommen von ihnen Worte des Dankes. Ein Lächeln. Das ist Armenien – zwischen Leid. Und Schönheit.

Wie Sie die Armenienhilfe unterstützen können

Spenden für die "Küche der Barmherzigkeit" können auf dieses Konto der Kreissparkasse Ostalb eingezahlt werden: BIC OASPDE6A IBAN DE68614500500440752987

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