Bei der Impfverteilung unter Druck

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Landrat Dr. Joachim Bläse spricht im Interview über den Start der Impf-Anmeldungen am Dienstag und darüber, was es bedeutet, wenig Impfstoff gerecht zu verteilen.

Aalen

An Weihnachten sorgte der offizielle Beginn der Corona-Impfungen für ein Zeichen der Hoffnung. Danach machte sich schnell Ernüchterung breit. Der Start der Kreisimpfzentren wurde zuerst um eine Woche verschoben, dann war klar: Statt 800 Impfungen am Tag, sind bis voraussichtlich März nur 300 Impfungen möglich – pro Woche. Der Start der Anmeldungen für einen Impftermin am Dienstag verlief holprig. Über diese und mehr Themen haben wir mit Landrat Dr. Joachim Bläse am Dienstagmittag gesprochen.

Der Anmeldeprozess für Impftermine ist gerade für Ältere nicht ganz einfach. Warum kann der Landkreis keine schriftlichen Benachrichtigungen versenden?

Dr. Joachim Bläse: Das Land hat den Anmeldeprozess so vorgesehen und auch so beschrieben. Da war diese schriftliche Benachrichtigung nicht geplant. So lange so wenig Impfstoff wie jetzt verfügbar ist, haben wir gesagt, dass sich jetzt die Älteren melden sollen, die sich den Prozess zutrauen oder dabei Hilfe bekommen. Wir wollten nicht etwas Zusätzliches machen, das noch mehr Verwirrung bringt.

Soll das so bleiben?

In der ersten Phase wird es so bleiben, wie es das Land entschieden hat. In der zweiten Phase, wenn wir dann mehr Impfstoff zur Verfügung haben, werden wir auch in Abstimmung mit den Kommunen überlegen, wie man die Impfinteressierten unterstützen kann.

Wenn nur die Hälfte der gut 20 000 über 80-Jährigen im Ostalbkreis einen Termin möchte, stürzen sich 10 000 auf zunächst etwa 2000 Termine. Diejenigen, die digital fit sind oder Hilfe haben, bekommen die ersten Termine. Ist das gerecht?

Das ist eine Entscheidung des Landes. Da werde ich nicht gefragt und kann nur Anregungen bringen. Das Land reagiert ja auch immer auf Hinweise durch uns. Das wird sicher nicht das Letzte sein. Aber jetzt hat man das zunächst mal so entschieden. Doch was ich heute sehe: Wie viele Kinder ihre Eltern unterstützen. Da läuft schon viel im Familienverband.

Der ehrenamtliche Einsatz im Ostalbkreis ist bekanntlich sehr groß. Gibt es Ideen, wie man dieses Engagement in dieser Krise noch besser nutzen und koordinieren könnte?

Ich war total überrascht, wie viele Leute sich auch persönlich bei mir gemeldet haben und Hilfe angeboten haben. Allerdings kommt man an Grenzen, einen verlässlichen Apparat aufzustellen, der die kommenden Monate hilft. Die Qualitätsanforderungen sind gerade auch in den Impfzentren sehr hoch. Das ging los beim ärztlichen, nicht-medizinischen Personal: Wer darf impfen? Allerdings war ich auch einer der wenigen Landräte, der gesagt hat, dass ich den Betrieb meines Impfzentrums nicht dem Land überlassen möchte, sondern über DRK und Malteser auch den ehrenamtlichen Helfern. So kann das bürgerschaftliche Engagement über diese Strukturen gut eingebunden werden. Allerdings bin ich mir sicher, dass beispielsweise die Nachbarschaftshilfe als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen wird.

Wie lief die Personalsuche für das Kreisimpfzentrum?

Die Kreisärzteschaften haben sehr schnell sehr viele Kollegen zur Verfügung gehabt, die bereit sind, zu impfen – das lief super. Auf unseren Aufruf haben sich 600 Personen gemeldet. DRK und Malteser, die für uns den Betrieb machen, haben die Interessierten angerufen. Auch die Firma Zeiss hat Unterstützung angeboten. Wir haben ausreichend Personal und den Luxus, dass wir mehr Personal haben als zu Impfende – weil wir halt zu wenig Impfstoff haben.

Es ist schon schwierig, das Wenige, das es gibt, gerecht zu verteilen.

Dr. Joachim Bläse Landrat

Was hat das für Auswirkungen auf den ursprünglich in zwei Schichten ausgelegten Betrieb?

Jetzt heißt es: nur eine Schicht von 9 bis 16.30 Uhr. Damit wir dem Wunsch des Landes gerecht werden, jeden Tag geöffnet zu haben. Die Personalkosten trägt das Land, aber wir haben mit den Hilfsorganisationen ein aufwachsendes System vereinbart. Denn es nützt ja nichts, sechs Impfstraßen geöffnet zu haben mit viel Personal, das nur rumsitzt und wartet, bis jemand kommt. Aber es ist klar geregelt, dass das Land auch die Personalkosten übernimmt, selbst wenn nichts zu tun ist.

Sind Sie auch von der Nachricht überrascht worden, dass es zunächst nur so wenig Impfstoff gibt?

Wir wussten schon seit Weihnachten, dass nur die geringe Menge zur Verfügung steht. Ich war tatsächlich auch überrascht, dass man das nicht von Anfang an so kommuniziert hat. Ich hatte sogar die Sorge, dass überhaupt etwas kommt. Das hat sich dann mit der Verschiebung ja auch bewahrheitet.

Was bedeutete das für Sie?

Es war für mich total schwierig, diese ersten 1170 Impfdosen zu verteilen. Zunächst hieß es, das Klinikpersonal bekommt seinen Impfstoff vom Land selbst. Plötzlich hieß es eine Woche vor dem Start, dass ich das Klinikpersonal mitimpfen muss. Auch das Betreute Wohnen war lange unklar. Erst einen Tag bevor ich es festlegen konnte, hieß es, dass es doch auch mitgeimpft werden kann. Erst zwei Tage vor dem Start, wusste ich zum ersten Mal, was ich am Kreisimpfzentrum wirklich pro Woche zur Verfügung habe.

Wie ist die Lage an den Kliniken?

Ich bin bei der Impfstoffverteilung massiv unter Druck geraten von allen Seiten. Die Mutlanger Klinik ist gerade rammelvoll auf der Isolierstation, Intensivbetten sind auch stark ausgelastet. Das Klinikpersonal sagte mir: "Herr Landrat, jetzt sind auch wir mal dran." Jeder hat mich angerufen und gesagt: "Ich will." Es ist schon schwierig, das Wenige, das es gibt, gerecht zu verteilen. Und als Landrat muss man den Kopf dafür hinhalten. Dass ich einmal die landesweite Impfstrategie verteidigen muss – das habe ich auch nicht gedacht, dass das einmal meine Aufgabe sein wird.

Nach wie vor ist die 50er-Inzidenz die Beschlussgrundlage für alle Maßnahmen. Die Zahl stammt aus dem Frühjahr 2020 – es heißt nach wie vor: Darüber schaffen die Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung nicht. Seitdem hat sich viel getan, auch bei der Kontaktnachverfolgung. Ist aus Ihrer Sicht die Fixierung auf die 50er-Inzidenz noch sinnvoll?

Die Kontaktnachverfolgung läuft super. Doch ich schaue sehr auf die Kliniken und was das Personal dort berichtet. Die entscheidenden Fragen sind: Wie viel Betten sind voll? Wie kann ich die Leute noch pflegen? Wie kommen Sie zurück in Ihre Pflegeheime? Das ist für mich ein zweiter Indikator. Allein die 50 zu betrachten ... ich sage, auch wenn wir 100 haben, gelingt die Kontaktverfolgung. Durch die Ausgangsbeschränkungen sind die Kontakte auch weniger, wir müssen nicht mehr so viele anrufen. Was allerdings auffällig ist: dass die Menschen nicht mehr alle ihre Kontakte angeben. Wenn einmal alle Alten- und Pflegeheime geimpft sind, hat eine 200er-Inzidenz, bei der aktuell die Kliniken sicher voll sind, sicher eine andere Aussagekraft, als jetzt. Die Inzidenz muss man immer in Korrelation mit anderen Kennziffern betrachten.

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