Beide Söhne verloren - die Leiden eines Vaters

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Michael Heilmann hat beide Söhne verloren. Er geht offen mit dem Verlust um und würde gerne eine Trauergruppe für Männer gründen.
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Familie Heilmann musste beide Söhne zu Grabe tragen. Eine Geschichte über Schmerzen, Trauer und die Sehnsucht nach Sonnenschein.

Untergröningen.

Michael Heilmann stirbt drei Mal. Der dritte Tod wird vermutlich sein eigener sein. Das erste Mal starb er Ende März 2012, als sein erster Sohn tödlich verunglückte. Das zweite Mal im November 2019, als ihm die Polizei mitteilte, dass auch sein zweiter Sohn nicht mehr lebt. „Ich habe alles verloren, nur meine Frau ist mir geblieben“, sagt er. An ihren Tod darf er gar nicht denken. Dann würde er vier Mal sterben.

Alexander, sein ältester Junge, wäre dieses Jahr 32 Jahre alt geworden. In der Statistik ist er nur eine Nummer. Fast 300.000 Verkehrsunfälle zählt das statistische Bundesamt im Jahr 2012. 3600 enden mit einem Toten. Einer von ihnen ist Alexander.

Michael Heilmann wollte gerade zu Hause Fußball schauen. Zweite Liga. Anstoß 13.30 Uhr. Um 13.15 Uhr sieht er die Polizei vor seinem Haus vorfahren und fragt sich noch, was die denn wollen. Die nächsten Stunden befindet er sich in einem seelischem Tunnel. Seine Frau arbeitet. Er ruft auf der Arbeit an und bittet eine Kollegin, seine Frau nach Hause zu schicken.

Michael Heilmann geht offen mit dem Schicksal um

Michael Heilmann ist ein stattlicher Mann. Gelernter Koch. Die Hände können zupacken. Er hat diesen Tag schon unzählige Male beschrieben. „Das tut mir gut“, sagt er. Offen mit dem Schmerz umzugehen, ist Teil seiner Therapie. Er und seine Frau besuchen die Gruppe „Verwaiste Eltern“, die 1990 in Aalen gegründet wurde. Zeit zum Trauern hat er anfangs nicht. Er will stark sein für seine Frau, für den Bub, seinen Sohn, den Bruder von Alexander. Fast sechs Jahre gehen ins Land bis Michael Heilmann von einem „angenehmen Leben“ sprechen kann. Ein normales Leben vielleicht? „Nein, normal ist mein Leben seitdem nicht mehr.“

In der Nacht vor dem Tod des ersten Sohnes schläft Michael Heilmann schlecht. Mitte November des Jahres 2019 plagen seine Frau schlechte Träume. Um 22.05 Uhr schellt es an der Tür. Er öffnet und sagt nur zwei Worte: „Die Polizei.“ Seine Frau muss keine weiteren Worte mehr hören, sie fängt sofort an zu schreien. Die Polizisten kümmern sich stundenlang um die Beiden. Ein Seelsorger ist auch vor Ort. Erst nach einer längeren Zeit registrieren die Beamten, dass das Paar schon den zweiten Sohn verloren hat. Ein Krankenwagen wird gerufen. „Wir haben stundenlang nicht einmal gefragt, woran unser Sohn gestorben ist“, sagt Michael Heilmann. Auch der zweite Sohn ist für das statistische Bundesamt im Jahre 2019 nur eine Zahl. 9041 Menschen wählen in diesem Jahr den Freitod. Raphael wird 26 Jahre alt.

Männer trauern anders

Michael Heilmann und seine Frau trauern unterschiedlich. Sie lassen sich aber genau diese Freiheiten, unterschiedlich trauern zu dürfen. Als sie in die Trauerkur fährt, liegt im Koffer das Buch „Männer trauern anders“. Sie will verstehen, wie es ihm geht.

Schnelle stellen beide fest: Ja, Männer trauern anders. Aber: Für diese Schicksalsschläge gibt es kein Lehrbuch. Jeder trauert anders. Sie braucht viele Fotos der Kinder um sich herum. Ihm ist das manchmal zu viel. Er ist nicht so oft auf dem Friedhof wie seine Frau. Manchmal möchte Sie sprechen und er nicht. An anderen Tagen ist es andersherum. Diese Akzeptanz müssen beide erst lernen. Er geht regelmäßig zur Therapeutin, sie weiterhin in die Aalener Gruppe. Es sind harte Zeiten. Beide wissen aber, sie haben nur noch sich. Sie teilen sich inzwischen ihre Trennungsängste. Was, wenn der Partner auch noch stirbt? Es sind schlimme Gedanken.

Der ganze Ort nimmt Anteil

Es gibt nur wenige in Untergröningen, die nicht Anteil genommen haben am Schicksal der Familie Heilmann. Freunde, der Verein, fast der ganze Ort kennt ihre tragische Geschichte und nimmt Anteil. „Das tut unglaublich gut“, sagt er. Die Anteilnahme kann die seelische Pein aber nicht lindern, bis heute nicht. „Ich stecke in einem Moor fest. Früher hätte ich mich rausgezogen. Heute will ich nur nicht untergehen“, sagt er. „Nichts, nichts haben wir noch.“ Er sah sich als Opa mit den Enkeln auf dem Fußballplatz. Vorbei. Die Schwiegertochter drücken? Vorbei. Taufe? Hochzeit? „Alles vorbei“, sagt er. Die Angst vor dem Abrutschen ist allgegenwärtig. „Ich sage meiner Therapeutin immer, dass der Grad so unglaublich schmal ist und ich Angst habe, in die Tiefe zu stürzen.“ Die Arbeit macht ihm keinen Spaß mehr, aber er funktioniert.

Er hatte eine Führungsposition in einer Kantine, ist aber wieder ins zweite Glied zurückgetreten. „Zu schaffen fällt mir schwer.“ Manchmal kann er keine Menschen sehen. Dann übernimmt ein Kollege die Essensausgabe. Jeder weiß Bescheid. „Ich gehe offen damit um, die Menschen müssen doch wissen, wieso ich bin, wie ich bin.“

Verregnete Tage. Ein Lied, dass ihn an seine Söhne erinnert. Ein Gespräch, dass er aufschnappt, in dem sich Menschen über eine Taufe unterhalten, all das reißt Wunden auf. „Ich habe das einmal einen Trauer-Burnout genannt“, sagt er. Er kann einfach nicht mit der Trauer abschließen. Nicht nach dem Freitod. „Ich suche noch ganz arg die Gründe, das ist mein Problem mit der Trauer, ich bekomme keine Antworten, ich bin wütend und zornig und mache mir Vorwürfe“, sagt er. Einen Tag vor Raphaels Tod wollte er mit ihm noch Pizzaessen gehen. „Warum …, warum habe ich ihn nicht gefragt?“ Dann kommt die Wut. „Warum hat er nicht mit uns gesprochen?“ Gab es Anzeichen? Hinweise? „Nein“, sagt Michael Heilmann. Zumindest hat er keine wahrgenommen. Er spricht mit den Freunden. Einem sagte Raphael kurz vor seinem Tod noch zu, der Patenonkel des Kindes zu werden. Dieses Gefühlschaos kann Michael Heilmann nicht aufräumen. „Das ist wie ein Raum voller Stühle, wo unordentlich dastehen, ich will sie ordnen und ich kann sie nicht ordnen.“

Er hadert mit Gott

Ein Jahr nach dem Tod des zweiten Sohnes bekommt seine Frau die Diagnose Brustkrebs. Wie viele Schicksalsschläge kann ein Mensch verkraften? Die Chemo schlägt Gott sei Dank an. Obwohl: Gott. „Ich habe nie an die Kirche, aber an Gott geglaubt“, sagt er. Er hadert nun. Die Bibelgeschichte von Hiob kommt einem sofort in den Sinn. In der Kur sagt ihm seine Seelsorgerin, dass er den Glauben an Gott nicht aufgegeben hat. Wenn er mit ihm hadere, wenn er ihm Vorwürfe mache, glaube er ja noch an ihn. „Das finde ich logisch“, sagt er.

Freude? Glück? Gibt es das noch? Seine Frau und er werden dieses Jahr 60. Auf die Geburtstage freut er sich. Auf Sonnenschein auch oder … nein, es ist keine Freude, es ist „angenehm“. Er denkt gerne an den Hochzeitstag. 32 Jahren sind sie in diesem Jahr verheiratet. „Das schaffen nicht viele, auch nicht unter normalen Umständen.“

Die Gedenktage, Geburtstage, Todestage sind schlimm, „eigentlich unerträglich“. Weihnachten? Familie Heilmann will fliehen, hinfahren an einen Ort, an dem Weihnachten nicht gefeiert wird. Dann kommt Corona.

Michael Heilmann erzählt seine Geschichte in ruhigen Worten. Er war mal aufbrausender. Er ist ruhiger geworden, auch diplomatischer. „Worüber noch aufregen?“, fragt er. Das Reden, der Austausch, das alles tut ihm gut. Er sucht Männer in ähnlichen Situationen. Er kennt auch welche, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Ein kleiner Stammtisch, ein zwangloses Treffen. „Das wäre schön, denn wir Männer trauern anders“, zitiert er den Buchtitel. „Vielleicht hilft ja diese Geschichte hier, vielleicht melden sich ja Männer“, sagt er. Bis dahin schreibt er an seinen eigenen Geschichten weiter. Das Schreiben hilft ihm. Eine Geschichte will er unbedingt zum Abschluss bringen. Sie heißt „Das Gespräch mit Gott.“

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