Bläse: nicht geimpft? Nicht dabei!

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Landrat Dr. Joachim Bläse am Dienstag während der Sitzung des Kreistages im Landratsamt. Thema war auch die Kontaktnachverfolgung der positiv auf Corona getesteten Menschen.
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Warum das Gesundheitsamt bei positiv Getesteten keine Kontakte mehr verfolgt, wie die Situation auf den Intensivstationen im Ostalbkreis ist und ob Landrat Bläse für eine Impfpflicht ist.

Aalen

Die Corona-Zahlen schnellen in die Höhe, die Intensivstationen der Kliniken sind belegt, geplante Operationen müssen verschoben werden. Und wie es derzeit aussieht, erreicht das Land Baden-Württemberg demnächst die Alarmstufe. Dennoch steigt das Gesundheitsamt aus der Kontaktnachverfolgung von positiv auf Corona Getesteten aus. Im Gespräch mit der SchwäPo und der Gmünder Tagespost äußert sich dazu Landrat Dr. Joachim Bläse.

Der Landkreis hat nach der Ansage durch das Land die Kontaktnachverfolgung von positiv auf Corona Getesteten durch die Gesundheitsämter aufgegeben: Sind die Städte und Gemeinden nun die Gelackmeierten, weil die Menschen dort fragen, was sie jetzt tun sollen, wenn sie positiv getestet wurden?

Landrat Dr. Joachim Bläse: Ganz so ist es nicht. Ich sage aber schon auch, dass der unmittelbare Kontakt an die Rathäuser durchgereicht wurde - weil alle Zwischensysteme dem nicht mehr Herr wurden. Aber: Von der Kontaktpersonennachverfolgung mussten wir uns als Landkreis verabschieden, weil sie nicht mehr praktikabel war. Wir hatten so viele Kontakte nachzuverfolgen - Wir haben das gar nicht mehr geschafft. Das ist einfach ein Faktum. Das Zweite ist: Viele Leute haben die Kontakte gar nicht mehr angegeben.

Ist das nicht eine Kapitulation? Diejenigen, die bislang brav ihre Kontakte angegeben haben, die machen das weiter und freiwillig - und die anderen tauchen ab in die Anonymität?

Diese anderen, die sind ja vorher auch schon abgetaucht. Da wurden ja schon Kontakte verschwiegen. Von daher glaube ich nicht, dass eine Verschlechterung eintritt. Die, die bislang redlich waren, werden ihre Kontaktpersonen angeben. Und wer bislang gelogen hat, der lügt jetzt auch weiter. Da wird leider keine Verbesserung eintreten.

Viele sagen, die Geimpften haben keine Rechte mehr in diesem Land, weil man auf politischer Ebene immer nur Rücksicht nimmt auf die Ungeimpften. Was sagen Sie denen?

Die Geimpften haben schon Rechte, und es wird immer mehr Dinge geben, die nur für Geimpfte sind. Die Umgeimpften hingegen werden in den nächsten Wochen erleben, dass alles, was außerhalb ihres Privatlebens ist, mit richtig schweren Einschränkungen verbunden ist. Problem ist auch: Uns hat man immer gesagt, wenn wir die Herdenimmunität haben, dann haben wir Corona im Griff. Aber jetzt zeigt sich immer mehr, dass auch der Geimpfte Überträger des Virus sein kann.

Was bedeutet das konkret für den Alltag?

Ich kann den Geimpften nur sagen: Ihr habt die Chance, dass alles wird wie bislang. Aber ihr müsst selber darauf achten, dass ihr Träger sein könnt und dass vulnerable Gruppen nicht gefährdet werden. Der Geimpfte muss mit dieser neuen Situation umgehen – und wir werden, das ist meine persönliche Auffassung, in den nächsten Wochen wieder ganz intensiv über das Thema Testen sprechen. Das betrifft auch Veranstaltungen, die im 2-G-Modus gemacht werden. Das hat sich einfach verschoben. Das kann man aber nicht an der Kontaktpersonenverfolgung festmachen.

Aus Ihrer Sicht: Sind Sie für eine Impfpflicht?

Im Grunde sagt mir mein Herz: Eigentlich müssten wir in Richtung Impflicht gehen. Ich bin ein glühender Anhänger des Impfens. Aber der Jurist in mir sagt, das Grundgesetz und die Rechte des Einzelnen sind ein sehr hohen Gut und deswegen denke ich, dass wir den Weg der Freiwilligkeit weiter gehen müssen. Aber das bedeutet auch das Ausschließen derjenigen, die sich anders entscheiden, von Dingen des öffentlichen Lebens und von Freizeitmöglichkeiten. Anderswo, etwa in Skandinavien, wird das Impfen als Akt der Solidarität gesehen. Dort muss man gar nicht über eine Impfpflicht diskutieren. Wir müssen diesen Weg konsequent gehen: Unterstützen, anbieten, aber dann auch sagen, wer nicht geimpft ist, der ist nicht dabei.

Wie sieht es aktuell in den Kliniken im Ostalbkreis aus? Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind denn nicht geimpft?

Ich darf das ja nicht fragen. Ich kann nur schätzen, dass über 80 Prozent geimpft sind.

Wie schaut es auf den Intensivstationen aus?

Wir sind rappelvoll. Wir haben 32 Betten in Betrieb und 32 belegt, aufgeteilt in Isolier- und Intensivbereich – 27 sind auf der Isolierstation und fünf im Intensivbereich. Rund 85 Prozent der Patientinnen und Patienten dort sind nicht geimpft. Bei den Geimpften sind es meist Patienten mit Vorerkrankungen.

Das Land hat jetzt verstärkt Kontrollen angemahnt. Mit welchem Personal eigentlich?

Mit den Ortspolizeibehörden. Das geht wieder eins zu eins über die Kommunen.

Es gibt eine Wahrnehmung, dass die Gastronomie in den einzelnen Kommunen im Ostalbkreis ganz unterschiedlich kontrolliert wird. Wie sehen Sie das? Machen es die einen lässiger als die anderen?

Ich will nicht „lässiger“ sagen. Aber es ist sicher so, dass die Kontrollintensität unterschiedlich ist. Das hängt auch von den jeweiligen personellen Rahmenbedingungen ab. Wir sagen den Kommunen schon, dass sie eine Kontrollpflicht haben. Inwieweit diese der nachkommen, darüber will ich nicht urteilen. Doch wer als Gastronom einmal Kontakt gehabt hat mit einer Bußgeld- und Ortspolizeibehörde, der reagiert dann ganz anders und stellt sich darauf ein. Da lernen die Gastronomen gerade dazu.

Wie stehen Sie zur Durchführung von Weihnachtsmärkten?

Ich kann mir einen Weihnachtsmarkt nur vorstellen, wenn die Kommune die Hoheit hat, und es geht nur mit Einlasskontrollen und 2 G. Ich spüre, dass die Leute sich treffen wollen, gerade vor Weihnachten. Wenn man die Latte hoch hängt, konsequent ist und nur Geimpfte reinkommen, dann geht es. Die Frage bleibt, ob es betriebswirtschaftlich machbar ist. Es kann aber keine Massenveranstaltung geben, wie wir sie von früher kennen. Es geht nur mit einer massiven Kontrolle dessen, was dort stattfindet.

In Baden-Württemberg droht die Alarmstufe. Was bedeutet das für den Ostalbkreis?

Dann geht es stark in Richtung 2 G. Wir werden als Kommunen überlegen, welche Veranstaltungen wir noch durchführen können. Alles, was freiwillig ist, wird wohl nur über 2 G funktionieren. Und wir müssen schauen, wie wir wieder mehr Testmöglichkeiten in die Fläche bringen. Es wird wieder mehr abgesagt. Aber nicht alles.

Brauchen wir wieder mehr Impfkapazitäten?

Die Ärztinnen und Ärzte machen einen sehr guten Job, aber ohne Unterstützung schaffen sie es nicht. Denn die Ärzteschaft hat gerade wirklich eine Herkulesaufgabe. Wir haben die Erkältungs- und Grippezeit. Wir haben Corona „ohne Ende“. Und dann sollen die Ärzte noch impfen. Ich kann in diesem Zusammenhang übrigens die überörtlichen Ärztevertreter nicht verstehen, die immer noch sagen: „Lasst das Impfen uns Ärzte machen.“ Und die Ärzte hier vor Ort kommen mittlerweile auf dem Zahnfleisch daher und wissen nicht, wie sie es schaffen sollen. Ich habe daher schon frühzeitig gesagt, wir unterstützen mit den Mobilen Impfteams (MIT), werden verstärkt in die Kommunen rausgehen und werden bis Ende der Woche eine eigene Impfstrategie für den Ostalbkreis haben.

Das Impfzentrum?

Das werden wir nach derzeitiger Planung nicht wieder hochfahren. Das ist zu intensiv, zu groß und steht zu schnell wieder leer. Wir müssen eine unterstützende mobile und lokale Struktur aufbauen. Sonst fahren wir das Thema an die Wand.

"Wir werden intensiv über das Testen sprechen."

Dr . Joachim Bläse, Landrat
  • Wann kommt die Alarmstufe?
  • Sollte die Zahl der Corona-Intensivpatientinnen und -patienten im Land nun an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen auf über 390 steigen, ist die Alarmstufe erreicht. Das baden-württembergische Gesundheitsministerium rechnet damit, dass dies in wenigen Tagen eintreten könnte. Die Corona-Verordnung sieht im Fall der Alarmstufe die 2-G-Regel etwa in Restaurants, Museen, bei Ausstellungen oder den meisten öffentlichen Veranstaltungen vor. Viele ungeimpfte Menschen haben dann in vielen Bereichen keine Möglichkeit mehr, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Davon ausgenommen sind Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre sowie Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können.

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