Bürokratie stoppt Pflegekraft

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Kämpft seit rund 15 Jahren um Anerkennung als Krankenschwester: Loredana Feuchter.
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Loredana Feuchter wartet seit 15 Jahren auf die Anerkennung ihrer Krankenschwesterausbildung. Warum sie die nicht bekommt.

Schwäbisch Gmünd

Sie ist wütend. Und enttäuscht. Als Loredana Feuchter 1997 von Rumänien nach Deutschland zieht, hätte sie nie gedacht, was dort auf sie zukommt. Eigentlich will die gelernte Krankenschwester hier neu anfangen, sich eine Existenz aufbauen, Geld verdienen. Doch daraus wurde nichts, bis heute. Aus Ratlosigkeit hat sich die 45 Jahre alte Mutter einer Tochter nun an diese Zeitung gewendet.

Alles beginnt im Jahr 2004. Loredana Feuchter hat in Deutschland Fuß gefasst. Lebt in Althütte. Ist verheiratet. Beherrscht die Sprache. Sie beschließt: Nun will ich wieder in Vollzeit arbeiten. Also wendet sie sich ans Regierungspräsidium (RP). Dort stellt sie einen Antrag auf die Anerkennung ihrer rumänischen Ausbildung als Krankenschwester. Aber: Ihr Ansprechpartner im RP habe ihr damals geraten, den Antrag erst zu stellen, wenn Rumänien Mitglied der Europäischen Union ist, sagt Loredana Feuchter. "Ich kann gar nicht sagen, wie oft sie mich weggeschickt haben. Bis 2008 war ich unzählige Male dort", erklärt die 45-Jährige, die auch als Dolmetscherin arbeitet.

2008. Rumänien ist seit einem Jahr EU-Mitglied. "Ich bin wieder zum RP", erzählt die gebürtige Rumänin, die bei den Deutschen Gedächtnismeisterschaften 2005 zwei Weltrekorde aufgestellt hat. In Stuttgart wird sie von Tür zu Tür geschickt. Eine klare Ansage, was nun zu tun ist, habe sie nicht bekommen.

Bezahlung als Hilfskraft

2011. Die inzwischen 37-Jährige zieht nach Schwäbisch Gmünd. Dort arbeitet sie in der ambulanten Pflege. "Ich habe alles getan, was eine Krankenschwester macht. Spritzen, Verbandswechsel, Notdienste und und und", sagt sie. "Doch bezahlt wurde ich nur wie eine Helferin. Für alle war ich eine billige Arbeitskraft", erinnert sie sich. "Die Bürokratie ist aus meiner Sicht der größte Hemmschuh", sagt sie. 2013 hat sie das "Betteln bei den Behörden" satt. "Mir reicht's als Fachkraft zu arbeiten und im unteren Bereich bezahlt zu werden", denkt sie sich damals. Daher nimmt sie eine Stelle als Privatkrankenschwester an.

2018 bewirbt Loredana Feuchter sich in einer anderen Einrichtung. Dort bekommt sie tatsächlich eine "super tolle Stelle" als Fachkraft. Doch das schlechte Gewissen holt sie ein. "Ich habe dort als Krankenschwester gearbeitet, auf dem Papier bin ich aber keine", erzählt sie. Daher wendet sie sich wieder ans RP. Zum wiederholten Mal, wie Loredana Feuchter sagt. Auf ihre Anfrage bekommt sie einen Brief. Es stellt sich heraus: In einigen Pflegefächern fehlen Loredana Feuchter Schulstunden. Pflegerelevante Kenntnisse aus Recht, Politik und Wirtschaft standen zum Beispiel in Rumänien nicht auf dem Stundenplan. Azubis in Deutschland absolvieren in diesem Bereich 150 Stunden. Kenntnisse der Naturwissenschaften und Medizin hat Loredana Feuchter hingegen 1340 Stunden lang gebüffelt; die Soll-Stunden liegen in Deutschland bei 500 Stunden. Das Fazit des RP: "Die automatische Gleichwertigkeit Ihres Ausbildungsstandes mit der deutschen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin kann nicht festgestellt werden." Trotz der ernüchternden Nachricht ist Loredana Feuchter erleichtert. "Nach fast 20 Jahren wurde klar, dass mir in verschiedenen Bereichen Arbeitsstunden fehlen", erklärt die 46-Jährige.

Ich kann gar nicht sagen, wie oft sie mich weggeschickt haben.

Loredana Feuchter Krankenschwester ohne Anerkennung

Noch mehr Steine im Weg

Damit ihre Ausbildung anerkannt wird, kann sie A): eine Kenntnisprüfung ablegen, oder B): einen sieben-monatigen Anpassungslehrgang absolvieren. Der Haken: Die Schule, an der sie die Prüfung ablegen will, fordert von ihr ein Führungszeugnis aus ihrem Heimatland oder das Absolvieren eines B-2-Deutschkurses. Beim RP legt sie gegen diese Vorschriften ein Veto ein. "Dort wurde mir gesagt, dass eine Bescheinigung aus dem Rathaus reicht", sagt sie. Doch die Schule stellt sich quer.

Juli 2019. Die 45 Jahre alte Frau entscheidet sie sich für den Lehrgang. Bezahlt werde sie während diesen sieben Monaten vom Jobcenter, Lohn bekomme sie keinen. Theoretisch könnte sie im April fertig sein, als anerkannte Krankenschwester arbeiten. Theoretisch.

"Den ersten Monat des Lehrgangs habe ich im Krankenhaus gemacht", erzählt sie. Doch der Arzt dort habe nicht gewusst, dass er Loredana Feuchters Leistung beurteilen muss – "den geleisteten Monat konnte er mir daher nicht bescheinigen", sagt sie. "Ich war stinksauer", erklärt die Gmünderin niedergeschlagen.

Doch das ist nicht alles. Im Krankenhaus muss sie schwer heben. Das macht ihr Rücken nicht mit. Seit Wochen ist sie in Reha. Den Anpassungslehrgang hat sie vorerst abgebrochen. Ob sie ihren Job als Krankenschwester wieder ausüben kann, stehe in den Sternen. In Gmünd hält sie nur ihre 21 Jahre alte Tochter. "Ich weiß nicht, wie es weitergeht", sagt sie. Sicher ist, dass sie in der Pflege bleiben will. "Ich bin für den Job gemacht."

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