Cannabislegalisierung spaltet Gemüter auf der Ostalb

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Seit 25 Jahren ist Martin Schweizer mit seinem Headshop Muffinworld Teil der Aalener Innenstadt. Die Entkriminalisierung von Konsumenten ist für ihn bei der Legalisierung das Wichtigste.
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Dass Cannabis in Zukunft legal sein könnte, spaltet die Gemüter. Von Freude über Entkriminalisierung, bis hin zur Sorge über Verkehrssicherheit gibt es viele Meinungen im Ostalbkreis.

Aalen

Nach dem Feierabend einen Joint rauchen. Legal. Das Cannabis vom Coffeeshop an der Ecke. Aktuell in Deutschland undenkbar, könnte aber zur Realität werden. Zumindest, wenn es nach dem Koalitionsvertrag der Ampelparteien (SPD, Grüne, FDP) geht. Wird der umgesetzt, soll es eine "kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizensierten Geschäften“ geben. Doch die Meinungen zur Legalisierungsdebatte gehen außeinander.

Jugendschutz muss sein

Präventionsarbeit und Jugendschutz sind Stichwörter, die für Monika Mayer, Suchthilfeleiterin bei der Caritas Ostalb, unverzichtbar sind. Gerade bei Heranwachsenden könne Cannabis gefährlich werden. "Es besteht ein viel größeres Risiko für psychische Schäden." Von Angstzuständen, Depressionen und Psychosen, bis zu Entwicklungsverzögerungen und Problemen in Schule, Privatleben und Arbeit - die Liste der Risiken des Cannabiskonsums, die Mayer nennt, ist lang. Bei der Caritas unterstützte man daher den Kompromiss, die Freigabe erst ab 21 Jahren zu erlauben.

Doch es gebe, so berichtet Mayer, nicht nur Klienten, die mit Sucht und Abhängigkeit wegen Cannabis kämpfen. "Es gibt einige, die haben einen geringen, risikoarmen Konsum." Die Kriminalisierung der Konsumenten führe aber auch diese Fälle zur psychosozialen Beratungsstelle der Caritas. "Eine Legalisierung würde die Entkriminalisierung ermöglichen und den Schwarzmarkt zurückdrängen", sagt Mayer. Das könne auch der Gesundheit von Konsumenten helfen. Sie berichtet von mit Blei oder Rattengift gestrecktem Cannabis. "Das kann gefährlich werden."

Klare Kritik von Polizeigewerkschaft

Cannabis sei, anders als Alkohol oder Nikotin etwa, eine Einstiegsdroge, sagt Daniel Jungwirth, stellvertretender Landesvorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft. "Ein Alkoholiker bleibt bei seinem Alkohol", sagt der Gewerkschafter, der für das Polizeipräsidium Aalen im Dienst ist, "der wird nicht heroinabhängig werden". Anders sei es bei Cannabis. Der Weg zu anderen, härteren Drogen wie LSD oder Heroin sei dort "viel direkter". Wer einmal auf härtere Substanzen umsteigt, komme kaum mehr aus dem Konsum heraus, lande in der Abwärtspirale von Beschaffungsnot und Kriminalität.

Viele Menschen hätten bereits mit Alkoholabhängigkeit zu kämpfen. Auch bei Heranwachsenden sei starker Alkoholkonsum nicht selten. "Und da kommen wir schon nicht hinterher." Ein weiteres Suchtmittel zulassen? "Aus gesellschaftlicher Sicht unverantwortlich." Auch die Verkehrssicherheit sieht Jungwirth durch die Legalisierung gefährdet. Heute bereits gebe es Unfälle, bei denen Cannabis im Spiel ist. Wird der Stoff legal, treibe es diese Zahlen hoch - damit auch die der Verkehrstoten. "Den Schuh möchte ich mir nicht anziehen."

Aber was ist mit Konsumenten, die verantwortlich mit dem Rausch umgehen? "Dieses Klientel gibt es in diesem Sinne nicht. Der normale Bürger kifft nicht", ist Jungwirth überzeugt. Stattdessen bestehe die Gefahr, dass Menschen, die nie gekifft haben, so in eine neue Sucht rutschen. "Die Gefahr, die dort geschaffen wird, die ist nicht kalkulierbar." Die Entlastung von Polizei und Justiz, durch wegfallende Cannabisverfahren, sieht Jungwirth ebenfalls nicht. Die Arbeit verlagere sich hin zu Präventionsarbeit.

Froh über Entkriminalisierung

Erleichtert und erfreut über die geplante Legalisierung ist Martin Schweizer. Seit 25 Jahren ist er mit seinem Headshop Muffinworld Teil der Aalener Innenstadt, verkauft neben T-Shirts, Dekoration und Wasserpfeifen auch Zubehör für den Cannabiskonsum. Für den Händler, der auch auf der Plattform Twitch "eine Disco im Internet betreibt" ist der wichtigste Effekt von frei verkäuflichem Cannabis, "dass normale Leute nicht mehr Kriminelle sind. Der Normalkonsument geht arbeiten, kommt nach Hause, möchte einen rauchen und gut ist."

Die Hanfpflanze biete viele Einsatzmöglichkeiten über den Rausch hinaus, sagt Schweizer. "Ich sehe das seit 30 Jahren als Pflanze, die für Menschen zugänglich gemacht werden muss." Von medizinischen Zwecken bis hin zu nachhaltigen Produkten - der Kreativität seien keine Grenzen gesetzt.

Trotzdem möchte Schweizer nichts beschönigen. "Man kann mit allem Schaden anrichten. Egal mit was." Aufklärung ist ihm wichtig. Gerade für Menschen, die noch nie Kontakt damit hatten. "Wenn man etwas kennt, ist es nicht mehr fremd. Dann kann man es einschätzen." Der Jugendschutz müsse dabei gewährleistet sein. "Die Altersreglementierung ist wichtig", sagt der Familienvater, "dass 15-Jähriger kifft? Das geht nicht."

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