Corona wirkt sich zeitversetzt aus

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Markus Frei, Jahrgang 1974, arbeitet seit 25 Jahren bei der Kreissparkasse Ostalb. Seit dem 1. Juli ist er Vorstandsvorsitzender des Instituts und damit Nachfolger von Andreas Götz.
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Der neue Vorstandschef der Kreissparkasse Ostalb über den Beginn seiner Amtszeit in der Pandemie, erweiterte Geschäftsfelder und die Zukunft der Banken.

Aalen

Seit fast 25 Jahren arbeitet Markus Frei für die Kreissparkasse Ostalb, seit Anfang Juli führt er das Institut als Nachfolger von Andreas Götz als Vorstandsvorsitzender. Im ersten großen Interview erklärt Frei, wie die Kreissparkasse Ostalb durch die Corona-Krise kommt, welche Strategie er verfolgt und ob das viele frische Geld der Zentralbanken nicht doch zu Blasen an den Märkten führen könnte.

Herr Frei, es gibt ruhigere Rahmenbedingungen für einen Amtsantritt als Vorstandschef einer Kreissparkasse. Wie war der Start in Pandemiezeiten?

Markus Frei: Sicherlich wäre es angenehmer gewesen, mein neues Amt unter ganz normalen Rahmenbedingungen anzutreten. Unabhängig von den aktuellen, doch sehr speziellen Umständen stellen meine neuen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender immer eine herausfordernde und anspruchsvolle Erfahrung dar, die mit großer Verantwortung verbunden ist. Davor habe ich Respekt – darauf habe ich mich gleichzeitig aber auch sehr gefreut. Dass ich seit bald 25 Jahren für die KSK arbeite und dieses Haus in allen Bereichen und Ebenen kenne, kommt mir dabei natürlich entgegen.

Die Corona-Krise verunsichert und belastet die Verbraucher. Macht sie sich schon bei den Kunden der Sparkasse bemerkbar?

Bei den Privatkunden sind die Auswirkungen bislang eher gering. Die Nachfrage nach Baufinanzierungen ist weiter intakt. Stand heute haben wir rund 900 Anträge auf Tilgungsaussetzungen, was nicht besorgniserregend ist. Das Instrument der Kurzarbeit hat den Arbeitsmarkt entlastet, auch wenn die Arbeitslosenzahlen gestiegen sind. Aber: Wir gehen davon aus, dass sich die Corona-Krise zeitversetzt auswirken wird. Die Konsequenzen werden voraussichtlich erst Ende 2020, Anfang 2021 sichtbar werden. Dagegen hat sich die Corona-Krise bei den Unternehmen natürlich unmittelbar bemerkbar gemacht.

Sie haben schnell ein Kreditprogramm zur Corona-Hilfe für Firmen aufgelegt. Wie war die Resonanz?

Wir hatten innerhalb von vier Wochen rund 500 Anträge – vom Ein-Mann-Betrieb bis zum Großunternehmen. Der Bedarf war groß. Das Programm hat vielen Firmen geholfen, die Zeit zwischen dem Beschluss der staatlichen Soforthilfen und deren tatsächlicher Auszahlung zu überbrücken. Insgesamt beläuft sich das Kreditvolumen – also eigene Kredite, KfW-, L-Bank-Darlehen – aufgrund Corona auf rund 110 Millionen Euro.

Experten sehen für den Herbst eine Insolvenzwelle auf die Wirtschaft zurollen. Ihre Einschätzung?

Ich bin relativ optimistisch – falls es im Herbst keine zweite, große Infektionswelle gibt und damit eventuell einen zweiten Lockdown. Die Aussetzung der Insolvenzpflicht bis 30. September war richtig, sie hat vielen Unternehmen Luft verschafft. Dennoch hatten wir in der Region bereits Insolvenzen – vor allem von Firmen, die bereits vor Corona Probleme hatten. Eine solide und seriöse Prognose ist in diesen beispiellosen Zeiten kaum möglich, sondern gleicht einem Blick in die Glaskugel. Am Jahresende wissen wir mehr!

Immobilien- und Aktienmarkt scheinen unbeeindruckt. Steigt wegen Corona das Risiko einer Blasenbildung?

Über eine mögliche Blasenbildung diskutieren wir schon seit vielen Jahren. Im Immobilienbereich setzt aktuell eher eine Konsolidierung ein, die Preise in den Ballungsgebieten stagnieren, für den Ostalbkreis gilt das jedoch nicht. Das historisch niedrige Zinsniveau treibt viele Anleger ins Betongold oder an die Aktienmärkte, weshalb letztere nicht die tatsächliche Entwicklung abbilden, sondern die Erwartungen – und hier hoffen viele auf eine schnelle Erholung.

Die BaFin soll die deutschen Banken überwachen. Wie groß ist Ihr Vertrauen in die oberste Finanzbehörde nach dem Wirecard-Skandal?

Die öffentliche Diskussion führt aktuell in die Irre. Denn vor geplantem Betrug ist niemand gefeit. Die Frage ist: Wer ist verantwortlich für die Testierung des Jahresabschlusses, der die Grundlage der Bafin-Prüfung darstellt? Beim Wirecard-Skandal geht es eher darum, zu hinterfragen, ob der testierende Prüfer gleichzeitig der Berater des Unternehmens sein sollte. Was man der Bafin möglicherweise ankreiden kann, ist, dass sie die Dimension bzw. die Eigenart des Wirecard-Geschäfts unterschätzt hat.

Seitdem die Filialen wieder öffnen konnten, herrscht großer Andrang.

Markus Frei Vorstandschef KSK Ostalb

Die Zahl der Mitarbeiter der Banken und ihrer Filialen geht seit Jahren zurück, ein Grund ist die Digitalisierung. Wird sich der Trend in Corona-Zeiten verstärken?

Die Pandemie und die mit ihr verbundenen, zahlreichen Beschränkungen haben zunächst zu einer verstärkten Nachfrage nach unseren Digital-Angeboten geführt. Aber: Seitdem die Filialen wieder öffnen konnten, herrscht großer Andrang. Die Nachfrage nach Beratungsgesprächen ist stärker als zuvor. Das zeigt: Die Regionalität und die lokale Präsenz gewinnen wieder an Bedeutung. Für uns ist dies Bestätigung und Chance zugleich. Gleichzeitig bauen wir aber natürlich unsere digitalen Angebote permanent weiter aus.

Dennoch sinkt die Zahl der Filialen und der Mitarbeiter seit Jahren – auch bei der KSK Ostalb …

Wir haben bereits im Jahr 2018 mit unserem Filialkonzept frühzeitig die Weichen für die Zeit bis 2024 gestellt, an diesem halten wir fest. Bei der Zahl der Mitarbeiter nutzen wir die natürliche Fluktuation und die demografische Entwicklung. Es bleibt aber bei diesem marginalen Abbau. Gleichzeitig bauen wir die Quote der Auszubildenden weiter aus und suchen in einigen Bereichen auch neue Mitarbeiter.

Sie sind seit 1. Juli Vorstandschef. Was müssen Sie angesichts der guten Entwicklung der KSK zuletzt überhaupt anders machen als Ihr Vorgänger Andreas Götz?

Wir haben die Strategie in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits gemeinsam im Vorstandsteam entwickelt und deren Eckpfeiler sind weiterhin gültig. Es wird mit mir keinen Paradigmenwechsel geben. Unsere Grundstrategie ist intakt, nun gilt es, die Corona-Situation zu adaptieren und zu meistern, etwa indem wir unsere Agilität erhöhen, die Kunden-Fokussierung weiter verbessern und unser Geschäftsmodell erweitern. Wir sind ein verlässlicher Partner – für unsere Kunden, die Mitarbeiter und die ganze Region – und wir stehen für Stabilität und Verlässlichkeit in unsicheren Zeiten. Das ist mir wichtig.

Welche Eigenschaft benötigt man als Vorstandsvorsitzender einer Sparkasse unbedingt?

Ich denke, Weitblick ist nicht verkehrt. Verbunden mit der Fähigkeit, kurzfristige Moden von langfristigen Trends zu unterscheiden. Und man sollte unbedingt ein Teamplayer sein.

Am Ende aber entscheiden Sie?

Der Vorsitzende hat die sogenannte Richtlinienkompetenz, aber wir, Dr. Christof Morawitz und ab dem 1. Oktober dieses Jahres Dr. Tobias Schneider, gehen alle Aufgaben im Team an und entscheiden gemeinsam. Wichtig ist mir die jeweilige Eigenverantwortung unserer Kolleginnen und Kollegen, denn alleine kann – und will – keiner eine Bank führen.

Ihr Vorgänger war – für die Verhältnisse der Kreissparkasse Ostalb – relativ kurz im Amt. Was ist der Posten des Vorstandschefs für Sie: Karriereschritt oder Lebensaufgabe?

Ganz klar: Lebensaufgabe – der ich mich mit Respekt und Zuversicht stelle.

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