Corona: Zeit für eine Notfallklinik?

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Das Ärztliche Notfallzentrum im April 2020 in Schwäbisch Gmünd. Das Behelfskrankenhaus in der Großsporthalle wurde letztlich nicht gebraucht und wieder abgebaut. Archivfoto: jps
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Die SPD beantragt, dass der Ostalbkreis ein Behelfskrankenhaus errichtet. Der Chef der Ostalb-Kliniken sagt: Die Behandlung von Covid-Patienten ist nicht nur eine Frage freier Betten.

Aalen

Die SPD-Fraktion im Kreistag hat wegen Corona kurzfristig die erneute Einrichtung eines medizinischen Notfallzentrums im Ostalbkreis beantragt. Sie begründet ihren Antrag mit steigenden Infektionszahlen. Im vergangenen Jahr hatte es zwei solcher Zentren gegeben, in Aalen und in Schwäbisch Gmünd.

Der Antrag bildete den Auftakt der Sitzung des Sozialausschusses am Dienstag. Auf Einladung des Landratsamtes schilderte Prof. Ulrich Solzbach, Chef der Kliniken Ostalb, den Kreisräten die Lage in den drei Krankenhäusern. Sein Fazit: Mehr als die Hälfte der 36 Intensivbetten der Ostalbkliniken sind zurzeit mit Covid-Patienten belegt. Ein zusätzliches Notfallkrankenhaus sei dennoch nicht sinnvoll. Ausführlich und plausibel erklärte er den Kreisräten, warum.

Die Lage: Die erste Corona-Welle sei in den Kliniken geprägt gewesen von Mangel an Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten und Intensivbetten, so Solzbach.

An medizinischer Erfahrung habe man einiges in die zweite Welle im Oktober 2020 mitgenommen: Man habe gelernt, die Corona-Patienten nicht zu früh künstlich zu beatmen, sondern so lange wie möglich nur zusätzlichen Sauerstoff zu geben - das sei schonender für den Kranken und spare Kapazität auf den Intensivstationen. Seit etwa drei Wochen wogt die dritte Welle in den Kliniken: mit einem mutierten Virus. Solzbach: „Im Prinzip ist das ein ganz neues Virus, es hat raffiniertere Schlüssel, in den Körper einzudringen.“

Über 50 Prozent der Intensivbetten seien jetzt mit Corona-Kranken belegt, die Verweildauer sei länger als bei der ersten Welle. Der Rest sei belegt mit akuten Notfällen, zum Beispiel Patienten nach Unfällen.

Auf Nachfrage von Josef Bühler (Freie Wähler) sagte er, die Situation in den Ostalbkliniken bilde keine Ausnahme, im gesamten östlichen Baden-Württemberg sei sie ähnlich. Man habe in dieser Woche aber auch noch keinen Notfallpatienten abweisen müssen.

Die Strategie der Kliniken: Prof. Solzbach betont: „Wir fahren die Kliniken im Ostalbkreis jetzt runter auf Notfallmodus.“ Das bedeutet: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit entsprechender Kompetenz werden in den Isolier- und Intensivstationen der drei Kliniken im Ostalbkreis konzentriert. Dadurch werde man es schaffen, die Zahl der Intensivbetten von 36 auf 45 aufzustocken, schätzt der Mediziner. Die Impfquote beim Klinikpersonal benennt er mit 70 Prozent als „sehr gut“. Die Mitarbeiter hielten zusammen, spürbar auch über die Raumschaften hinweg, freut sich Solzbach. Jetzt ein zusätzliches Krankenhaus aufzubauen, das wäre aus seiner Sicht „ein Krankenhaus ohne Personal“. An freien Betten für nicht-intensivpflichtige Patienten mangele es nicht. Woran es fehle, sei qualifiziertes intensivmedizinisches Personal, und das sei nicht so schnell zu bekommen.

Bernhard Richter (SPD) sorgte sich um medizinische „Kollateralschäden bei Corona“, zum Beispiel Menschen mit Herzproblemen, die dringend ins Krankenhaus müssten, aber sich wegen der Infektionsgefahr nicht trauten. Zudem habe er von einem niedergelassenen Arzt von Problemen bei Klinik-Einweisungen gehört. Solzbach bestätigte, dass geplante Operationen zurzeit, wenn möglich, verschoben würden. „Eine echte Herausforderung“ sei das zum Beispiel bei Tumorpatienten. „Das ist eine besondere Kunst, da abzuwägen. Aber das haben wir bisher ganz gut hinbekommen“, schätzt er.

Letztlich folgte Bernhard Richter namens der SPD-Fraktion der Empfehlung von Landrat Bläse und zog den Antrag vorerst zurück. Er verband dies mit warmem Dank an das Personal in den Kliniken: „Was Sie jetzt leisten, ist mit Geld nicht zu bezahlen.“ Ja, die Nerven lägen blank, das werde wohl auch noch zwei bis drei Wochen so weitergehen, sagte Solzbach. Was aus seiner Sicht wirklich helfen würde, die Welle zu stoppen, wäre mehr Tempo beim Impfen. Aktuell liege die Impfquote bei 20 Prozent.

Was wirklich helfen würde, wäre mehr Tempo beim Impfen.“

Prof. Ulrich Solzbach, Kliniken Ostalb

Behelfskrankenhäuser - das gab es schon einmal

Rückblick: In der ersten Welle der Pandemie, ausgangs des Winters 2020, wurden überall in Deutschland Behelfskrankenhäuser aufgebaut. Der Ostalbkreis errichtete zwei solcher ärztlicher Notfallzentren - mit 100 Betten in Aalen in der Ulrich-Pfeifle-Halle und 100 Betten in der Großsporthalle in Schwäbisch Gmünd. Beide Zentren wurden nichtgenutzt, weil in den Krankenhäusern auf Notfallmodus heruntergefahren wurde und dadurch genügend Betten frei waren.bea

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