Coronajahr mit Überraschungen für die Landwirtschaft

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Nach der Ernte muss das liegengebliebene Stroh gewendet werden bis es trocken ist und ebenfalls eingeholt werden kann.

Helmut Hessenauer, Chef des Geschäftsbereiches Landwirtschaft beim Landratsamt, spricht über die Herausforderungen für die Landwirte im Ostalbkreis.

Ellwangen

Wegen der Corona-Pandemie wird es im Januar 2022 wie schon im vergangenen Jahr den Kalten Markt in Ellwangen nicht in der traditionellen Form geben. Der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft beim Landratsamt Ostalbkreis, Helmut Hessenauer, hat aber dennoch wie gewohnt einen Rückblick auf das Landwirtschaftsjahr geworfen.

Dass das Jahr 2021 für die Landwirtschaft spannend werden würde, war zum Jahresanfang klar. Schließlich stand 2020 ganz im Zeichen von Corona. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft waren je nach Sektor recht unterschiedlich. Hinzu kam das Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in der zweiten Jahreshälfte 2020 in Brandenburg mit weitreichenden Folgen auch für die hiesigen Schweinehalter. Die Hoffnung war dann Anfang 2021 groß, dass 2021 ein Konsolidierungsjahr werden könnte. Das wurde es nur zum Teil.

Endlich kein Trockenjahr

Das Positive zuerst: 2021 war endlich kein Trockenjahr mehr, nachdem die vorangegangenen drei Jahre immer wieder von längeren Trockenperioden geprägt waren und Landwirte um ihre Erträge fürchten mussten. Es gab zumindest während der Vegetationszeit fast schon zu viel Niederschläge. Für den hier vorherrschenden Futterbau war dies nur gut. Endlich konnten die Grundfuttervorräte wieder aufgefüllt werden. Allein die Getreideernte enttäuschte.

Erfreuliche Tendenz

Auch die Erzeugerpreise zeigten mit Ausnahme der Schweinepreise eine erfreuliche Tendenz – mit einer großen Ausnahme. In vielen Teilen der Welt fiel die Getreideernte unterdurchschnittlich aus. Die Getreidepreise sind daher derzeit so hoch wie lange nicht mehr. Auch der Milchmarkt ist stabil. Eine leicht rückläufige Erzeugung trifft auf eine europaweite gute Nachfrage, was die Erzeugerpreise stützt. Die Rindfleischpreise sind so hoch wie lange nicht mehr. Im Gegensatz zu anderen Fleischarten kaufen private Haushalte mehr Rindfleisch als vor Corona.

Schweinemarkt schwierig

Den Kontrapunkt dazu setzt der Schweinemarkt. Hier hat der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland zu erheblichen Marktverwerfungen geführt, weil China, ein wichtiger Importeur, aus Deutschland keine Ware mehr abnimmt. Ab dem Sommer fielen die Preise für Schlachtschweine und für Ferkel auf einen historischen Tiefststand. Dies hat auch mit Corona zu tun, denn zeitweise mussten Schlachtungen heruntergefahren werden, weil zu wenig Personal zur Verfügung stand. Schlachtreife Tiere können dann nicht mehr abgenommen werden. Eine auch nur kostendeckende Erzeugung ist seit Monaten nicht mehr möglich; die Lage ist auf vielen Betrieben angespannt.

Thema Selbstvermarktung

Jenseits davon ist eine andere Entwicklung zu beobachten. Vielleicht durch Corona angestoßen bieten immer mehr Landwirte ihre Produkte direkt auf ihren Höfen in Verkaufsautomaten an. Auch die Nachfrage nach Bioprodukten ist gestiegen. Biobetriebe berichten von einer in Coronazeiten anziehenden Nachfrage in der Direktvermarktung. Selbst bei den Bioschweinen, die über den Lebensmitteleinzelhandel vermarktet werden, sind die Preise stabil.

Preistreiber Energie

Alle in der Landwirtschaft mit stark steigenden Betriebsmittelpreisen zu kämpfen. Dies betrifft vor allem die Düngemittel, Energie, aber auch das Zukaufsfutter. Für die Tierhaltungsbetriebe auf der Ostalb bedeuten hohe Getreidepreise immer auch höhere Futterkosten. Eine Erfahrung musste die Landwirtschaft mit anderen Wirtschaftsbereichen teilen, nämlich, dass wichtige Vorprodukte und Betriebsmittel gar nicht verfügbar sind. In der Landwirtschaft geht es um wichtige Stickstoffdünger. Umso wichtiger sei die „effiziente Verwertung des anfallenden Wirtschaftsdüngers aus der Tierhaltung“, so Helmut Hessenauer. Experten schließen aber nicht aus, dass der fehlende Stickstoffdünger zu Ertragsminderungen in der Ernte 2022 führen kann.

Die neue Düngeverordnung

Die im Mai 2020 novellierte Düngeverordnung sah vor, dass die Länder sogenannte rote und gelbe Gebiete ausweisen mussten. In diesen Gebieten gelten dann ab 2021 zusätzliche Düngebeschränkungen. Rote Gebiete sind Gebiete mit erhöhter Nitratbelastung bei einzelnen Messstellen. Im Ostalbkreis wurden fünf solche Gebiete ausgewiesen. Sie sind oft sehr klein. „Dennoch belasten die Beschränkungen die Betriebe in Einzelfällen erheblich“, erklärt Hessenauer.

Naturschutz und Pflanzenschutz

Beim Pflanzenschutz ist das vom Land verabschiedete Biodiversitätsstärkungsgesetz in der Umsetzung. So ist der Pflanzenschutz auf Ackerflächen in Naturschutzgebieten ab 2022 verboten. Im Ostalbkreis gibt es 42 Naturschutzgebiete, in denen rund 165 Hektar Ackerflächen liegen. Auf ihnen dürfen künftig keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Für den Pflanzenschutz in anderen Schutzgebieten, wie den Landschaftsschutzgebieten und den Natura-2000-Gebieten, gelten Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes. Davon sind weit mehr Betriebe betroffen.

Ökologischer Landbau

Im Biodiversitätsstärkungsgesetz ist festgelegt, dass der Anteil der ökologischen Landwirtschaft auf 30 bis 40 Prozent bis zum Jahr 2030 steigen soll. Auch die Menge chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel soll im gleichen Zeitraum um 40 bis 50 Prozent reduziert werden. Damit diese Ziele erreicht werden, bedarf es Anreize über Förderprogramme, aber auch Beratung und Unterstützung der Betriebe.

Im ökologischen Landbau sei es nicht damit getan, dass viele Betriebe umstellen und ökologisch wirtschaften, so das Landwirtschaftsamt. Parallel dazu müsse auch die Nachfrage nach ökologisch, möglichst in der Region erzeugten Produkten steigen. Es brauche also Impulse entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Ostalbkreis hat sich 2020 zusammen mit dem Rems-Murr-Kreis als Biomusterregion beworben und auch den Zuschlag erhalten. Biomusterregionen erhalten eine Förderung für ein Regionalmanagement, das dann Projekte in der Region initiiert und umsetzt. Mittlerweile hat das Regionalmanagement seine Arbeit aufgenommen und erste Projekte befinden sich in der Umsetzung. Die beiden Landkreise ergänzen sich in ihrem Produktportfolio und vereinen die Nähe zum Ballungsraum zu dem mehr ländlich geprägtem Raum hier auf der Ostalb. Die Chancen für Synergieeffekte stehen daher gut.

Das Biodiversitätsstärkungsgesetz wendet sich jedoch nicht nur an Landwirte. Es enthält auch Vorgaben, um die Lichtverschmutzung zu minimieren und verbietet Schottergärten auf Privatgrundstücken. Streuobstbestände werden geschützt und auch landwirtschaftlich Flächen sollen erhalten bleiben.

Der Handel reagiert

Regulierungen und Produktionsvorgaben gibt es jedoch nicht nur vom Gesetzgeber. Auch der Handel nimmt gesellschaftliche Strömungen auf und setzt sie in Vorgaben um. So kündigten einige Lebensmitteleinzelhändler an, künftig nur noch Fleisch aus tiergerechteren Haltungsformen zu verkaufen, die deutlich über dem gesetzlichen Standard liegen. Um diese Vorgaben einzuhalten, müssen Ställe umgebaut werden. Dies ist aber nicht immer möglich, so dass in den seitherigen Ställen erzeugte Tiere wahrscheinlich nur noch mit deutlichen Abschlägen verkauft werden können. Die gesamte Tierhaltung steht daher vor einem Transformationsprozess, der mit immensen Investitionen verbunden ist.

Viel Verunsicherung

Insgesamt herrscht vor allem in der Schweinerzeugung eine großes Maß an Verunsicherung. Mit Abstrichen gilt dies auch für die Milchviehhaltung. Hier steht die Anbindehaltung in der Kritik. Sie findet ausschließlich in kleinen Betrieben statt. „Leider führt kein Weg daran vorbei, dass zusätzliche Regulierungen, unabhängig von welcher Seite sie kommen, kleine Betriebe zur Aufgabe der Tierhaltung zwingen – trotz Beteuerungen, dass diese Betriebe erhalten werden sollen“, so das Fazit Hessenauers.

Thema Flächenverbrauch

Ähnliche Ambivalenzen gibt es auch bei einem anderen Thema: dem Flächenverbrauch. Auch hier gab und gibt es Ziele, den Verbrauch an landwirtschaftlichen Flächen zu minimieren. Die Realität sieht jedoch anders aus. Der Bedarf an Wohnraum ist groß und auch der in weiten Teilen der Industrie anstehende Transformationsprozess erfordert neue Gewerbeflächen. Hinzu kommt der beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren Energien in Form von Photovoltaik und Windenergieanlagen. Dadurch werden der Landwirtschaft Flächen entzogen, die sie dringend braucht. Es gibt keine einfachen Lösungen. Ansatzpunkte seien verdichtetes Bauen, Vorrang der Innenentwicklung, Nutzung von Gewerbebrachen und Doppelnutzungen wie bei der Agriphotovoltaik.

„Die Herausforderungen an die Landwirtschaft sind im Jahr 2021 nicht kleiner geworden. Es kommt darauf an, wie damit umgegangen wird“, so Hessenauer. Jeder Wandel biete auch Chancen. „Viele Landwirte erkennen dies und gestalten diesen Prozess auf ihren Betrieben.“ Sie gewährleisteten dadurch, dass die Landwirtschaft zukünftig ihren originären Aufgaben, nämlich eine sichere, nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln bei gleichzeitiger Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft, wie schon in der Vergangenheit nachkommt.

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